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4.11.18

WAS IST THEOSOPHIE?



Von Franz Hartmann

Das Wort „Theosophie“ ist aus den Worten Theos (Gott) und Sophia (Weisheit) zusammengesetzt und wird gewöhnlich als „Gottesweisheit“ übersetzt. Um nun zu begreifen, was mit der Bezeichnung „Gottesweisheit“ gemeint ist, wäre es vor allem nötig, die Bezeichnung „Gott“ zu definieren. Da aber Gott für den Menschen ein Nichts ist, solange der Mensch selbst in göttlicher Beziehung ein Nichts ist, so ist auch der Begriff Gottes über alle Verstandesspekulationen erhaben und für die materielle Auffassung unerreichbar. Solange der Mensch Gott nicht in sich selber fühlt, kann er ihn auch nicht erfassen. Solange er von „Gott“ nichts weist, ist ihm auch der Sinn des Wortes „Gottesweisheit“ unerfassbar, und er betrachtet dieselbe als die Weisheit eines Wesens, das er nicht kennt und das ihn deshalb nichts angeht. Aus diesem Grunde ward der Name „Theosophie“ ein Gegenstand des Spottes derjenigen, welche, da sie selbst keine geistige Selbsterkenntnis besaßen, auch die Möglichkeit einer solchen Erkenntnis verleugneten. Über die Frage: was man unter „Theosophie“ versteht, ist an anderen Stellen schon vieles geschrieben worden, ohne die gewünschte Aufklärung zu bringen, und dennoch scheint uns die Beantwortung einfach zu sein:

„Gottesweisheit“ oder mit anderen Worten „die höchste Weisheit“ ist jedenfalls diejenige, durch welche der Mensch zu seinem höchsten geistigen Ziele gelangen, d. h. durch welche er das höchste Ideal in sich selber verwirklichen kann. Dieses Ziel kann er nur durch Erfüllung des Gesetzes erlangen, und deshalb besteht seine höchste Weisheit darin, das höchste Gesetz des geistigen Menschen zu befolgen und es in sich selbst zum Ausdruck und zur Offenbarung zu bringen. Um aber dieses Gesetz, welches die Grundlage des menschlichen Daseins und der ganzen Natur bildet, befolgen zu können, muss er dasselbe kennen lernen, und da die Tätigkeit dieses Gesetzes in seiner höchsten Wirkungssphäre eine geistige ist, so handelt es sich bei der Erlangung seiner Erkenntnis nicht bloß um eine auf äußere Sinneswahrnehmungen gegründete Theorie, sondern um eine innere Entfaltung und Vervollkommnung der eigenen Geisteskraft. Es ist somit diese Selbsterkenntnis das Ergebnis eigenen Wachstums des geistigen Menschen, ein inneres Erwachen zu einem höheren Grade des Selbstgefühls und Selbstbewusstseins, wodurch der Mensch sich über seine Tiernatur sowohl, als auch über den grübelnden, im Finstern tappenden Rationalismus erhebt und sich durch die Verwirklichung eines höheren Ideales in sich selbst seiner wahren Menschennatur und Würde bewusst wird.


Die praktische Theosophie ist deshalb nichts anderes als die geistige Selbsterkenntnis des Menschen. Sie ist kein Gegenstand der auf der Beobachtung äußerer Erscheinungen beruhenden Wissenschaft und kann selbstverständlich nur das Eigentum desjenigen Menschen sein, in welchem diese Erkenntnis zur eigenen Kraft geworden ist. Solange der Mensch von seinen tierischen Leidenschaften beherrscht wird, oder solange sein „Wissen“ bloß in Meinungen besteht, welche auf Trugschlüssen oder Vorurteilen beruhen, oder die er deshalb glaubt, weil sie ihm von anderen gelehrt wurden, ist er auch nur ein Sklave von Leidenschaften und Meinungen, und seine Erkenntnis ist nicht diejenige, welche durch das eigene Erkennen der Wahrheit entsteht, und wodurch er zur göttlichen Freiheit gelangt.

Unter diesen Umständen kann es nicht die Aufgabe der „Theosophie“ sein, von irgend jemand einen blinden Glauben an irgend eine Lehre, welche für etwas „Neues“ gehalten werden dürfte, zu verlangen; auch kann kein Mensch einen anderen, sondern nur jeder sich selbst zum „Theosophen“ machen; denn das geistige Licht muss in dem eigenen Innern des Menschen erwachen, wenn es sein Inneres erleuchten soll. Dasjenige aber, was der Erlangung der wahren Erkenntnis im Wege steht, ist einerseits die Selbstsucht die Leidenschaften und alles, was aus der Tiernatur des Menschen entspringt und ihn hindert, sich über dieselbe zu erheben, andererseits sind es die Irrtümer, welche durch das Nichterkennen innerer Ursachen und die auf falscher Beurteilung äußerer Erscheinungen beruhenden Trugschlüsse entstanden sind. Vor allem aber ist der Erkenntnis der Wahrheit die falsche und bloß äußerliche Auslegung religiöser Allegorien im Wege. Was wir deshalb beabsichtigen, ist, soweit es in unseren Kräften steht, denjenigen, welche nach einem wirklichen geistigen Fortschritt trachten, ein klares Bild über die innere höhere Menschennatur zu verschaffen und ihnen behilflich zu sein, sich aus den Banden der Selbstsucht und den Irrtümern einer falschen Philosophie zu befreien.

Um vollkommene Gewissheit über die wahre geistige Natur des Menschen, die Veredlung, welcher der Mensch fähig ist, und seine magischen (geistigen) Kräfte zu erlangen, dazu gibt es nur einen einzigen Weg, nämlich dasjenige selbst zu sein, was man zu erkennen wünscht. Nur der Tugendhafte kann die Tugend, der Weise die Weisheit, der Mächtige die Macht kennen; um aber den Weg zur Ausübung der Theorie zu finden, dazu ist es vorerst nötig, die richtige Theorie zu suchen.

Es gibt zwei Wege, auf denen wir zwar noch keine Gewissheit, aber dennoch eine zuverlässige Anschauung der Dinge, welche sich der sinnlichen Wahrnehmung entziehen, erlangen können.

Der erste Weg ist derjenige der philosophischen Spekulation, wobei nicht nur die im gewöhnlichen Leben vorkommenden äußeren Naturerscheinungen, sondern auch die sogen: mystischen Ereignisse, die Tatsachen des Spiritismus, Okkultismus, Hypnotismus, Magnetismus u. s. w. in Betracht genommen werden müssen. Insofern dieses Philosophieren aber auf Schlussfolgerungen beruht, welche sich auf Tatsachen beziehen, die selbst noch der Erklärung bedürfen, ist dieser Weg auch nicht sicher und führt nur selten zum Ziele, sondern leitet meistens in ein Labyrinth von verkehrten Meinungen und häufig zum Aberglauben oder zur Narrheit, vorausgesetzt, dass man nicht durch fortwährende Enttäuschungen selbst zu der Überzeugung gelangt, dass die zur Erklärung mystischer Phänomene gewöhnlich angegebene Theorie nicht die richtige ist und dass man sich selber betrogen hat.

Der andere Weg ist, dass man dasjenige, was geistig erleuchtete Menschen, wie man sie in allen Nationen sinden kann, über das wahre Wesen des Menschen und über die geheimnisvollen Erscheinungen in der Natur gelehrt haben, vom geistigen Standpunkte ausgehend prüft, ihre Lehren miteinander vergleicht und sich dadurch selbst befähigt, eine höhere Weltanschauung und Erkenntnis zu erlangen. Hierbei handelt es sich keineswegs um einen blinden „Glauben“, sondern nur darum, dass man dasjenige, was man kennen lernen will, nicht schon von vornherein als ein „Nichtmögliches“ verwirft. Wer sich weigert, an das Vorhandensein des Gegenstandes, den er untersuchen will, zu glauben, der wird sich auch nicht von dessen Eigenschaften überzeugen können. Wer in seinem Eigendünkel dasjenige verwirft, was er nicht schon zu wissen glaubt, oder was nicht mit seinen Vorurteilen übereinstimmt der gleicht einem Menschen, welcher ein vor ihm stehendes Ding nicht sehen kann, weil er absichtlich seine Augen davor verschließt.

Die theoretische Theosophie besteht also darin, die Lehren der Weisen aller Nationen, der indischen Lehrer, der christlichen Mystiker der Adepten und Heiligen miteinander zu vergleichen, den Kern der Wahrheit, welcher in allen Systemen enthalten ist, zu finden und zu untersuchen, inwiefern diese Lehren zur Erklärung mystischer oder nichtmystischer Tatsachen dienen können. Sie befasst sich weder mit „wissenschaftlichen“ Spekulationen, denen keine Wahrheit zu Grunde liegt, noch mit sogenannten „Ofsenbarungen aus dem Jenseits“, sondern es ist ihr nur darum zu thun, über die wahre Natur des Menschen und dessen Stellung im Weltall ein Licht zu verbreiten, von dem jeder vorurteilsfreie Mensch aus eigener innerer Überzeugung erkennen muss, dass es die Wahrheit ist.


(Sphinx, May 1892, Band 13, S. 197-199)





3.11.18

ZWECK DER THEOSOPHISCHEN LEHREN



Von Annie Besant

Es ist nicht möglich, in einem kurzgehaltenen Vortrage alle die Gründe anzugeben, weshalb jedermann darnach trachten sollte, ein Theosoph zu werden; aber die Erfahrungen eines einzelnen Menschen können unter Umständen einem anderen von Nutzen sein, und wir wollen einen Versuch machen, die Gedankenwege zu beschreiben, auf denen der Sucher nach der Wahrheit wandeln kann, um zu seinem Ziele zu gelangen. Das, was ihn zuerst anzieht, ist dasjenige, was seinem gewohnten Gedankengange am meisten verwandt ist; denn die theosophischen Lehren umfassen alles, das für das Menschengeschlecht und dessen Fortschritt von Interesse ist, und werfen auf jeden solchen Gegenstand ein neues Licht. Deshalb kommt dieses Licht zu jedem in seiner Art und sagt zu ihm:

-      „Komm mit mir und ich will dir Klarheit geben, wo für dich jetzt noch Dunkelheit ist."

Glücklich ist derjenige, welcher dieser inneren Stimme Gehör schenkt und dessen Geistesauge die Morgenröte des kommenden Tages erblickt.

Was mich zuerst zu den theosophischen Lehren anzog, war, dass sie mir ein ganz neues Feld eröffneten in meinen Untersuchungen über die schwierigen Rätsel des Lebens. Lange Jahre hatte ich diese Rätsel zu lösen versucht, konnte aber die Lösung nicht finden, noch hatte ich Hoffnung, dass ich sie je finden würde. Eine Menge von Dingen war da, die für das rationelle Verständnis geradezu unerklärbar waren. Alltägliche Erfahrungen, die sich immer wiederholten, wurden von der aufgeklärten Wissenschaft mit stiller Verachtung behandelt oder als „Aberglaube“ klassifiziert; das Zeugnis von Tausenden wurde als wertlos zurückgewiesen, weil es sich nicht mit den neuesten Ansichten der modernen Wissenschaft über gewisse Dinge vereinbaren liess, und immer dringender trat an mich die Frage heran:

-      „Wie lässt sich eine moralische Entwicklung und eine geistige Evolution durch eine bloss mechanische Thätigkeit im Universum erklären; in einem Weltall, in welchem nichts vorhanden ist, das einen Beweggrund zu einem Streben nach dem Höheren und Idealen bilden könnte; eine Welt, in der nichts ist, das geistige und moralische Errungenschaften in sich aufnehmen und von Generation zu Generation fortpflanzen könnte?“

Auf alle diese Fragen giebt uns weder die Wissenschaft, noch die Kirche, noch die spekulative Philosophie eine zufriedenstellende Antwort. Die theosophischen Lehren aber geben uns eine rationelle Erklärung über die Konstitution des Universums und alle seine Erscheinungen, die sich nach dem Weltgesetze bewegen; sie erklären geheimnisvolle Thatsachen, anstatt sie zu ignorieren, und sie überheben uns der Notwendigkeit, die grosse Mehrzahl der Menschen als Narren oder Spitzbuben zu betrachten und dabei zu glauben, dass die ganze Weisheit der Welt in den Köpfen von einigen Professoren konzentriert sei, deren erlauchte Gegenwart durch keine vorhergegangene geistige Evolution erklärbar ist, wie auch alle Anstrengungen nach ferneren geistigen Errungenschaften, im Angesichte der Vernichtung am Ende des menschlichen Daseins, auch weiter keinen Zweck haben können, als mit dem Körper ins Grab zu versinken. Eine so traurige Philosophie mag denjenigen genügen, welche kein Wahrheitsgefühl im Herzen tragen; mir genügte sie nicht. Die theosophischen Lehren dagegen zeigen uns das ganze Weltall als aus einer Grundsubstanz entsprungen, welche wesentlich Leben und Bewusstsein ist, das sich in den verschiedenen daraus krystallisierenden Erscheinungsformen je nach dem Grade der Entwicklung derselben offenbart. Wir sehen deshalb das ganze objektive Universum als eine unzählige Menge von verschiedenartigen Lebewesen, die alle insgesamt Formen sind, in denen sich das Allgemeinleben offenbart; die Synthese derselben bildet eine höhere Form von Lebewesen, und die Auflösung der Formen ist der Tod der Formen, nicht aber die Vernichtung der Wesenheit, deren Charakter in ihnen zum Ausdruck kam.

Was wir das objektive Weltall nennen und welches zu uns in Beziehung steht durch unsere fünf Sinne, ist nur eine einzige von den verschiedenen Daseinsstufen und Erscheinungen, welche in unserer Daseinssphäre ausserordentlich, gesetzlos und unbegreiflich erscheinen, welche zu uns kommen von anderen Sphären des Daseins, den Gesetzen ihrer Sphäre gehorchend, und die daher, wenn richtig verstanden, ebenso natürlich als die Erscheinungen der physischen Ebene sind. So sind z. B. die Vorgänge, welche man „Hellsehen“, „Hellhören“ u. dergl. nennt, nicht, wie manche Unwissende behaupten, blosse „Einbildungen“ oder „Schwindeleien“, sondern gesetzmässige Funktionen gewisser innerer Sinne, welche in jedem Menschen enthalten aber nicht in allen ausgebildet sind, und die derjenigen inneren Welt angehören, welche wir als die „Astralebene“ bezeichnen. Zu dieser gehören Sinne, welche unseren physischen Sinnen verwandt, aber dennoch von diesen verschieden sind, und sie finden sich besonders entwickelt in „sensitiven“ Personen, oder treten in Thätigkeit während mesmerischer, hypnotischer oder somnambulischer Zustände, oder in gewissen Krankheiten, in denen die Thätigkeit des äusseren Körpers herabgestimmt ist. Diese inneren Sinne können aber auch in ganz gesunden Personen absichtlich zur Eröffnung gebracht und gebraucht werden, ohne dass das äussere Bewusstsein deshalb beeinträchtigt wird.

Alle solche Erscheinungen, Hellsehen, Hören auf weite Ferne, „zweites Gesicht“, Visionen, Gedankenlesen, prophetische Träume, Erscheinungen u. dgl. gehören der Astralebene an, und der Narr ist nicht derjenige, welcher diese Thatsachen untersucht und eine vernünftige Erklärung dafür findet, sondern derjenige, welcher sie ableugnet, ohne etwas davon gesehen oder erfahren zu haben oder zu wissen. Sie sind alle die gesetzmässigen Offenbarungen von Kräften, die in der Natur existieren, und äussern sich als Erscheinungen des Allgemeinlebens auf einer höheren oder von der unsrigen verschiedenen Daseinsstufe. Sie können beobachtet, studiert und sogar hervorgebracht werden, und das Zeugnis von intelligenten Personen, welche solche Fähigkeiten ausgebildet haben, ist ebenso viel wert als das Zeugnis derjenigen, die bloss physische Wahrnehmungen haben, in Bezug auf physische, für jedermann sichtbare Dinge, ist.

Die theosophischen Lehren geben uns eine rationelle Erklärung von der Existenz von anderen Daseinssphären, welche (ebenso wie ein mathematisches Problem) den physischen Sinnen nicht wahrnehmbar, aber trotzdem logisch nachweisbar ist, und jede dieser Daseinsebenen bildet in Bezug auf ihre Eigenschaften und die in ihr bestehende Lebensthätigkeit eine für sich bestehende Welt. Indem wir in unserer Forschung tiefer dringen, finden wir mit Erstaunen und Bewunderung, dass vieles, was uns in der Weltgeschichte früher ein unerklärbares Rätsel war, sich jetzt von selber erklärt; wir fangen an, das Menschengeschlecht höher zu achten, wir ahnen die Lösung der Fragen in Bezug auf die wunderbare Konstitution der Menschennatur, wir sehen, dass im ganzen Weltall Leben pulsiert, dass in jedem Teile der Natur Bewusstsein und Intelligenz thätig ist, und dass nur unsere eigene Unwissenheit schuld daran war, dass wir die Welt für öde und leer hielten und den darin waltenden Geist nicht erkannten.

Jetzt begreifen wir, dass der Mensch fähig ist, Wahrnehmungskräfte zu entwickeln, welche ihn befähigen, jede Stufe des Daseins im Weltall kennen zu lernen, und von jeder dieselbe, wenn nicht noch mehr Gewissheit zu erlangen, als der äussere Mensch von äusseren Dingen im physischen Dasein besitzt. So leitet die Theosophie den Schüler an der Hand der wissenschaftlichen Erkenntnis zu immer höheren Sphären des Denkens und der geistigen Wahrnehmung; die Wälle, welche ihm vorher den Weg verschlossen, fallen nieder, und wie sein Blick klarer wird, so erweitert sich sein Horizont, bis er von nichts mehr begrenzt wird, das man „unerkennbar“ nennen könnte, wenn auch noch vieles unerkannt ist.

Aber das "Wissen allein macht den Menschen nicht glücklich, es ist nicht alles. Würden die theosophischen Lehren bloss zur Befriedigung des Wissensdranges dienen, so hätten sie für mich wenig Interesse gehabt. Der grösste Teil meines Lebens und mein ganzes Herz war der Besserung sozialer Übelstände gewidmet. Ich suchte den Armen ihre Bürde zu erleichtern, den Menschen Gleichberechtigung zur Arbeit und zum Verdienste zu verschaffen. Ich sah die nächstliegenden Ursachen, welche schuld daran sind, dass ein Teil der Menschheit in Reichtum schwelgt, während ein anderer Teil in Armut darbt; ich strengte mich an, die Kenntnis dieser Ursachen in der Welt zu verbreiten, damit man dieselben vermeiden und die sozialen Übel zur Heilung bringen könnte. Die Propaganda, welche ich und andere Gleichgesinnte machten, blieb, wie bekannt, nicht ohne Erfolg; allein, da war stets ein Gedanke, der mich nicht verliess, eine Frage, für die ich die Antwort nicht finden konnte:

-      „Wenn alles, was ich anstrebe, gelungen sein wird,“ fragte ich mich, „wenn in der Welt Gerechtigkeit statt Ungerechtigkeit die Grundlage menschlichen Thuns bildet, wenn niemand mehr müssig geht und jeder nach seiner Bequemlichkeit leben kann, – was dann? – Werden nicht die alten Übel in irgend einer neuen Form wieder erscheinen? Wird nicht die menschliche Leidenschaft, Neid, Gier und Selbstsucht von neuem den sozialen Frieden untergraben, und das soziale Gleichgewicht wieder zerstören?“

Während meiner öffentlichen Vorträge sah ich fast immer, dass das Gefühl, welches meine Zuhörer beherrschte, nicht die Liebe war, sondern der Hass; dass der Wunsch, die erlittenen Ungerechtigkeiten zu rächen, stärker war, als die Liebe zur Gerechtigkeit; dass da immer ein Kampf zwischen Klassen und Klassen, von Nationen gegen Nationen zugrunde lag; aber von einem wahren selbstlosen Wunsche nach dem Wohle von allen ohne Ausnahme war keine Rede. Als dieses Gefühl sich in meiner Seele wiederspiegelte, da wusste ich, dass eine höhere Magie als mein Scharfsinn und meine Beredsamkeit nötig sei, um die Wurzel des Übels auszureissen; dass es sich weniger darum handle, äussere soziale Verhältnisse abzuändern, als vielmehr die Menschen selbst, die in diesen Verhältnissen lebten, umzugestalten.

Das verzweiflungsvolle Elend der Armen, die herzzerreissende Erniedrigung der Prostituierten, das unerträgliche Bewusstsein der Hilflosigkeit und Ohnmacht, diese über die ganze Welt verbreiteten Übel abzuschaffen oder erfolgreich zu bekämpfen, alles dies nagt an dem Herzen derjenigen, welche gewillt sind, selbst ihr Leben dahinzugehen, wenn sie dadurch den Armen, den Auswürfling und den Verbrecher retten könnten.

Nacht war es in mir, kein Stern der Hoffnung leuchtete am Firmament. Unter diesen Umständen kam die Theosophie, belebte mich wieder mit Hoffnung und zeigte mir den sicheren Weg zur Erlösung der ganzen Welt. Die theosophischen Lehren erklärten mir die tiefer liegenden Ursachen dieser Übel und die Art, wie dieselben vermieden werden können. Sie bewiesen mir die Notwendigkeit des Leidens und den Nutzen desselben. Sie sprachen von einem Wege der völligen Selbstaufopferung, von völliger Ergebung, welchen diejenigen wandeln könnten, die mehr von Liebe zur Menschheit als von Furcht vor Leiden beseelt waren, und das Wohl des Ganzen mehr suchten als das eigene Selbst.

In jenen dunkeln Tagen war es mir schrecklich, zu fühlen, dass es vergebens war, den Erwachsenen Hoffnung einzusprechen, zu wissen, dass kein Wechsel von Verhältnissen eintreten könne, welcher ihnen Entschädigung für das erlittene Unrecht böte oder ihnen ein der Menschenwürde passenderes neues Leben eröffnen könnte. Jetzt aber enthüllten mir die neuen Lehren die Vergangenheit des Menschengeschlechts, erschlossen mir das Verständnis der Gegenwart und zeigten mir eine Zukunft von Hoffnung erfüllt; denn sie bewiesen mir, dass der Mensch ein unsterbliches Leben ist, in eine menschliche Form gehüllt, und dass dieses Leben, welches sein Geist, seine Intelligenz, sein Selbstbewusstsein ist, deshalb eine sterbliche Hülle von Fleisch angenommen habe, um darin Erfahrungen zu sammeln und zur Selbsterkenntnis zu gelangen. Sie zeigten mir, dass, wenn dem Menschen die Wohnung gekündet wird und er ausziehen muss aus seinem fleischlichen Leibe, er nach einer Periode der Ruhe wieder eine neue ähnliche Wohnung bezieht; dass dieser Vorgang immer und immer wiederholt wird und dass der Fleiss des Schülers in der Sammlung seiner Erfahrungen und in dem Nutzen, den er aus ihnen zieht, seinen Fortschritt bedingt, dass, um völlige Erkenntnis zu erlangen und zur Vollkommenheit emporzuwachsen, jeder alle Verhältnisse, sowohl Armut als Reichtum, Bequemlichkeit und Mühe, Kampf und Frieden, durch eigene Erfahrung kennen lernen muss, dass jede eigene Erfahrung nur unter gewissen Verhältnissen gemacht werden kann und dass der Weise fern davon sich über die Verhältnisse, in denen er zu leben gezwungen ist, aus guten Gründen freut, weil er in allem mehr die Erkenntnis, als den Genuss sucht.

Wie könnten auch Reichtum, Luxus und Besitz alles Wünschenswerten dem Menschen Ausdauer, Geduld, Selbstlosigkeit lehren? Wie könnte ihm der Müssiggang zum Erlernen von Festigkeit, zur Erlangung von Kraft verhelfen? Dennoch ist ohne diese Tugenden der Mensch nichts als ein schwächlicher, kraftloser Organismus, ohne sie kann er sich nicht zum selbstbewussten und selbstvertrauenden Helden erheben. Die kostbarsten Blüten der menschlichen Tugenden sind nur aufgeblühte Knospen von Leiden und Sorgen; der Keim eines langertragenen Leidens bringt als Frucht die alles überwindende Kraft; die Knospe des Leidens erblüht als die Blume des Mitgefühls; die Knospe der Entbehrung erblüht als Selbstlosigkeit; Armut lehrt Selbstaufopferung und die erduldete Verachtung Barmherzigkeit. Niemand beklagt sich über eine Anstrengung, welche auf Erden grossen Lohn zur Folge hat, und wer das Rätsel des Lebens kennt, der begrüsst mit Freuden jeden Umstand, der ihn der göttlichen Selbsterkenntnis näher bringt. Wenn wir daher sehen, dass ein menschliches Wesen in Schmerzen sich windet, so wissen wir auch, dass ein heiliges Ding dadurch geboren wird, und wenn auch unser menschliches Mitgefühl seine ganze Sympathie dem Leidenden zuwendet, so wissen wir doch im Grunde des Herzens mit Ruhe und Frieden, dass der Tag der Prüfung vorüber geht und das neuerwachende Leben beständig ist, dass der Kummer verschwindet und die durch seine Überwindung erworbene Kraft verbleibt. So erlangt der Mensch seine natürliche Grösse, so schreitet das Menschengeschlecht nach seinem Ziel.

Es ist nicht der geringste der Verdienste der theosophischen Weisheit, dass sie dem menschlichen Instinkte, der immer sich für die Menschheit zu opfern drängt, eine rationelle Berechtigung giebt. Die Frage cuibono? klang in damaligen Zeiten wie eine Begräbnisglocke aller Hoffnungen, als man noch zu uns von einem Ende der Welt, von einem Verschwinden des Menschengeschlechts sprechen konnte; aber seit wir die Lehre von der Reinkarnation als Wahrheit erkannt haben, sehen wir auch, dass keine Anstrengung zum Besseren vergebens ist, dass jede Überwindung eine Stufe bildet, auf der wir zu einem höheren Grade der Evolution aufsteigen, und dass das Selbstbewusstsein eines jeden Mitgliedes der menschlichen Gesellschaft sein Eigentum ist, das von niemandem angetastet werden kann, sondern in jedem Erdenleben reichhaltiger wird je nach dem Masse der Erfahrungen, die er gemacht, und dem Nutzen, den er daraus gezogen hat, und dass er schliesslich alles Erlangte geniessen wird, wenn er zur geistigen Reife gekommen sein wird.

Auch erkennen wir, dass diese Evolution genau nach dem Gesetze des Karma vor sich geht, d. h. nach dem Gesetze der Ursache und Wirkung in allen Stufen des Daseins; dass es für uns von den Folgen unseres Thuns kein Entrinnen giebt; dass wir das, was wir gesäet haben, auch selbst ernten müssen, und alles dies giebt unseren Schritten den festen Halt der Überzeugung; denn wir wissen, dass es im Himmel keine Günstlinge und Schmarotzer giebt, und dass jeder nicht mehr und nicht weniger erhält, als was er sich selber verdient.

Schliesslich bildet die Erkenntnis der Wahrheit, wie die Theosophie sie lehrt, die Grundlage zur Erkenntnis der Einheit des ganzen Menschengeschlechts und der daraus folgenden Verbrüderung aller Nationen. Jeder einzelne ist ein Baustein im ganzen Gebäude der Menschheit, keiner steht allein. Wer sich selbst überwindet, stärket das Ganze, jeder Schritt nach oben hilft zur Erhebung des ganzen Geschlechts.


(Lotusblüten, 1893, Band 1, S. 233-248)





2.11.18

DIE THEOSOPHISCHEN LEHREN



Von Franz Hartmann

„Die grosse Wahrheit der Erkenntnis der Ursache aller Leiden, o Bikkschus, ist nicht eine überlieferte Lehre, sondern in mir selbst ging auf das Auge; es erwachte in mir die Erkenntnis; es offenbarte sich in mir selber die Weisheit; es erschien in mir selber das Licht."
(Gautama Buddha.)

„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben."
(St. Johannes. XV. 6.)


Die Theosophie im wahren Sinne des Wortes ist die göttliche Selbsterkenntnis im Menschen, die Selbsterkenntnis der Wahrheit im Menschen und in allem in der Natur. Um die Wahrheit zu erkennen, braucht man nicht in die Ferne zu schweifen und in vielen Büchern zu forschen; man braucht sie nur in sich selber zu finden, und der Mensch findet sie dadurch, dass sie in ihm offenbar wird. Diese Kraft der Erkenntnis ist das wahre Leben, ihr Besitzer der Gottmensch, welcher die Menschheit aus der Nacht der Unwissenheit und des Irrtums erlöst, indem er in der ganzen Menschheit und im einzelnen Menschen seine Auferstehung feiert; sie ist das Licht, durch dessen Offenbarung Gautama ein Buddha, d. h. ein Erleuchteter wurde, und ohne das es keine wahre Religion, keine wahre Philosophie, keine wahre Erkenntnis und keine wahre Wissenschaft geben kann. Die Theosophie oder Gottesweisheit ist deshalb nicht ein System von Glaubensartikeln oder eine neue Philosophie. Sie ist höher als alle Philosophie, da sie nicht wie diese auf Spekulation, sondern auf Selbsterkenntnis beruht. Sie ist diejenige Kraft, durch welche der Mensch, wenn er Liebe zur Wahrheit besitzt, die Wahrheit in sich selber erkennen kann. Sie hat nicht den Zweck, die Menschen von einem kirchlichen System zu einem anderen zu bekehren, sondern sie ist ein göttliches Licht, das dazu dient, jeden zu befähigen, die Wahrheit zu finden, welche in ihm selbst enthalten und in dem religiösen Systeme, welches er befolgt, oder in seiner Philosophie dargestellt ist. Sie ist kein menschliches Machwerk und kann ebensowenig als das Licht der Sonne von irgend jemandem erfunden, erschaffen oder erzeugt werden, und wer sie nicht selbst besitzt, wird auch in den besten Büchern vergeblich nach ihr suchen. Wer aber die Weisheit besitzt, der erkennt sie auch in allem, was ihn umgiebt, und wie das Licht der Sonne die ganze Natur durchdringt, und von jedem wahrgenommen werden kann, der die hierzu nötigen Fähigkeiten besitzt, so kann auch das Licht der göttlichen Weisheit, das die Seele des Menschen erleuchtet, von jedermann wahrgenommen werden, wenn er nicht durch seine eigenen Irrtümer, verkehrten Anschauungen und Begierden sich selber verhindert, dasselbe zu sehen.

Thomas von Kempis sagt:

-       „Wohl dem, den die Weisheit durch sich selbst belehrt, nicht durch vergängliche Bilder und Worte, sondern so wie sie ihrem Wesen nach ist."

Würde jeder Mensch der Stimme der in ihm wirkenden göttlichen Vernunft Gehör schenken und die ewige Wahrheit in sich zur Offenbarungkommen lassen, so hätte niemand nötig, Bücher zu lesen. Wer eigne Erkenntnis hat, braucht keine Glaubensartikel und keine spekulative Philosophie. Da aber jeder, der diese göttliche Selbsterkenntnis erlangt hat, ein Adept ist, und es nur wenige Adepten giebt, während die weit überwiegende Mehrzahl der Menschen an teils angeerbten, teils anerzogenen Vorurteilen und Irrtümern hängt, so bedarf die grosse Mehrheit der Menschheit theosophischer Lehren, nicht um in ihnen ein Licht leuchten zu lassen, das nur die Wahrheit selber erzeugen kann, sondern um die Hindernisse aus dem Wege zu räumen, welche sich dieser Selbsterkenntnis der Wahrheit in den Weg stellen; und dies geschieht dadurch, dass man im Menschen den Glauben an ein höheres Dasein erweckt, indem man ihm eine höhere als die moderne „rationalistische“ Weltanschauung kennen lehrt, und diese höhere Weltanschauung findet sich in den klassischen Schriften des Altertums, vor allem aber in den Religionsphilosophien des Ostens, denen auch die christliche Bibel entstammt.

Es ist ein grosser Irrtum, die reine Theosophie oder göttliche Selbsterkenntnis mit den aus ihr entspringenden Lehren, oder gar mit den Meinungen und Ansichten einzelner Mitglieder der „theosophischen Gesellschaft“ zu verwechseln. Der natürlich gewordene Mensch, welcher vom Lichte der Gotteserkonntnis durchdrungen ist, erkennt Gott, sich selbst und die ganze Natur; dasjenige in ihm, was erkennt, ist über alle Theorie und Spekulation erhaben; Gott in ihm erkennt sich selbst und bedarf keiner Beweise und Schlussfolgerungen, um zu wissen, was er selber ist. Die theosophischen Lehren dagegen, wenn sie auch der Selbsterkenntnis desjenigen, der sie lehrt, entspringen, sind dagegen dennoch nichts als Theorien für diejenigen, welche diese eigene Wahrnehmung und Selbsterkenntnis nicht besitzen, und bleiben Theorien für jeden, bis dass er ihre Wahrheit durch eigene Erfahrung bestätigt findet. Was aber die Meinungen der einzelnen Mitglieder der „theosophischen Gesellschaft“ betrifft, so müssen dieselben schon deshalb auseinandergehen, da diese Gesellschaft an keine Glaubensartikel gebunden ist, und nicht bloss aus solchen Personen, die die Wahrheit schon gefunden haben, sondern zum grössten Teile aus solchen, die nach ihr suchen, besteht.

Der rechtgläubige Christ, welcher das „Licht der Welt“ in seinem eigenen Herzen kennen gelernt hat; der wirkliche Buddhist, welcher durch dieses Licht ein Buddha, d. h. ein „Erleuchteter“ geworden ist; der Brahmine, der in Wahrheit allein in Brahma seine Zuflucht gefunden hat, alle diese haben keine theosophischen Spekulationen oder Theorien nötig; denn sie erkennen die Wahrheit, und wer die Wahrheit erkennt, braucht keinen anderen Lehrmeister. Wer schon zum wahren göttlichen Leben erwacht ist und die Unsterblichkeit in sich selber gefunden hat, der braucht nicht erst darauf hingewiesen zu werden, dass es ein solches Erwachen giebt, oder sich eine Meinung darüber zu bilden, ob der Mensch unsterblich sein kann oder nicht.

Solcher wahren Gläubigen, welche Gotteserkenntnis besitzen, giebt es aber heutzutage sehr wenige. Die Mehrzahl der Frommen hängt an den Äusserlichkeiten ihrer Religion, hängt sich an den Buchstaben und vergisst darüber den Geist, und verhindert sich durch die übergrosse Wahrung der Form, in das Geheimnis zu dringen, welches in den Formen verborgen ist, und die Kraft zu erlangen, welche durch äussere Bilder und Allegorien sinnbildlich dargestellt ist; während die Feinde der Wahrheit, welche in jeder Religion überhaupt nur das äussere Gewand sehen können, die Religion verwerfen, weil sie den Kern darin nicht zu begreifen imstande sind. Die moderne Philosophie hält die Befriedigung der wissenschaftlichen Neugierde für den höchsten Grad von geistiger Erkenntnis; unsere „rationellen“ Philosophen zerbrechen sich die Köpfe über Dinge, welche sie eigentlich nichts angehen, da sie dasjenige, was sie zu erkennen wünschen, weder selber sind, noch sich bestreben, es zu werden; es ist aber wohl selbstverständlich, dass man nur von demjenigen, was man selber ist und selber besitzt, und nicht von dem, wovon man keine Erfahrung hat, wirkliche Selbsterkenntnis erlangen kann. Was die Naturwissenschaften betrifft, so erfüllen sie ihren Zweck, wenn sie sich mit den Verhältnissen der Dinge untereinander befassen, welche wir in dieser Erscheinungswelt, welche wir „Natur“ nennen, finden. Wenn die „Wissenschaft“ sich aber anmasst, über Dinge zu urteilen, welche ausserhalb des Bereiches ihrer Erkenntnisfähigkeit liegen, oder gar dasjenige ableugnet, was sie nicht sehen oder begreifen kann, dann ist sie auch keine Wissenschaft mehr, sondern eine Thorheit.

Die theosophischen Lehren legen uns die Wahrheit dar, wie sie sich denjenigen, in denen sie sich geoffenbart hat, zeigte; wie aber auch die ausführlichste Theorie über die Natur des Lichtes und dessen Schwingungen uns das Sehen nicht ersetzen könnte, wenn wir blind wären, so können auch die erhabensten Lehren der Weisheit demjenigen keine Selbsterkenntnis verschaffen, welcher das Gefühl für die Wahrheit nicht selber besitzt. Auch gehört zu ihrem Verständnisse durchaus nicht dasjenige, was man „moderne Bildung“ nennt, und welches in dem Besitz eines Wirrwarrs von auf Autoritätenglauben beruhender Meinungen besteht. „Je gelehrter, desto verkehrter“, ist ein Sprichwort, dessen Bestätigung wir täglich vor Augen haben. Wie der Geizhals an seinem Bettelsack, die Magd an ihrem Putz, der Narr an seinen Wahnvorstellungen hängt, so ist der moderne Philosoph von seinen Theorien und Hypothesen befangen, die er sich entweder in seiner Phantasie ausgeklügelt hat, oder anderen, die dieselben erfunden haben, nachbetet, ohne daran zu denken, dass das, was vor verhältnismässig wenigen Jahren als Wissenschaft vor der Welt paradierte, heutzutage zum Kindergespött geworden ist, und dass vielleicht dasjenige, was man heutzutage noch nicht begreifen kann, die Grundlage der Wissenschaft kommender Jahrhunderte bilden wird.

Um die reine Theosophie zu erlangen, dazu gehört keine Gelehrsamkeit, sondern nichts weiter als die Eekenntnis, d. h. das Einströmen des Lichtes der Sonne der ewigen Weisheit, oder mit anderen Worten, die Empfängnis des heiligen Geistes in der menschlichen Seele; und damit diese Empfängnis stattfinden kann, muss die Seele unbefleckt sein von niedrigen Begierden, rein von Eigendünkel, Eigenwille und Schwärmerei. Wem seine Hirngespinnste lieber sind als die Erkenntnis der Wahrheit, der lebt in seinen Hirngespinnsten und verschliesst sein Herz dem Lichte der göttlichen Weisheit. Von Ewigkeit schien dieses Licht in das Dunkel, aber das Dunkel kann das Licht nicht erkennen; das Licht kann nur von leuchtenden Wesen begriffen werden; wo es sich offenbart, da hört das Dunkel auf zu sein. Das Licht der ewigen Wahrheit ist überall, in uns selber sowohl als ausserhalb unseres Körpers; alles, was wir in der Natur sehen, ist eine Offenbarung der Wahrheit, aber solange wir die Wahrheit nicht in unserm eigenen Innern entdeckt haben, können wir sie auch in äusseren Dingen nicht erkennen. Solange wir selbst als wesenlose Schatten ohne innere Kraft im Schattenspiele dieser Welt eine Rolle spielen wollen und uns dabei für etwas Grosses und Besonderes halten, solange bestehen wir selbst aus dem Dunkel, welches das Licht nicht erkennen kann; erst wenn wir unsere eigene Persönlichkeit als ein Nichts erkannt haben, als eine Seifenblase, die eine Zeitlang in schillernden Farben glänzt und am Ende platzt, erst dann kann das Licht, welches allen Dingen ihre Farbe verleiht, in uns selbst und wir durch das Licht zur wahren Erkenntnis gelangen.

Das Aufgeben des eigenen scheinbaren Selbst, um dadurch zum wahren Selbst zu gelangen, die Aufopferung der Menschheit in uns auf dem Altare der Gottheit, die uns, ohne dass wir es wissen, durchdringt, und alles in allem erfüllt, das Verlassen aller persönlichen Wünsche und Begierden, um in ewigen Idealen allein seine Zuflucht zu nehmen und dieses in sich selbst zur Verwirklichung kommen zu lassen, ist die Grundlage jeder wahren Religion und Philosophie, und die hierzu nötigen Ratschläge finden sich in der Bibel und in den Schriften der Heiligen, und besonders klar und deutlich in der Bhagavad Gita und in den heiligen Büchern des Altertums.

Wer den tiefen Sinn der Religionsgeheimnisse, welche in der Bibel enthalten sind, erkennt, der braucht sich allerdings nicht an die Weisen des Altertums zu wenden, um den Weg zur göttlichen Selbsterkenntnis zu finden; es wird aber jeder, der den heutigen Kulturzustand in Europa zu beurteilen fähig ist, zugeben müssen, dass das geistige Verständnis der Bibel unter den Gebildeten heutzutage so gesunken ist, dass dieselbe nur als ein Buch voller Fabeln und Allegorien, als eine „jüdische Geschichte“, als eine, auf das jetzige Zeitalter nicht mehr passende Morallehre betrachtet wird. Um die Dinge, von denen es sich in der Bibel handelt, dem gewöhnlichen Menschenverstande näher zu bringen, sich dadurch zu einer höheren Weltanschauung aufzuschwingen und sein Gemüt der göttlichen Erleuchtung zugänglich zu machen, dazu genügt nicht die Auslegung derjenigen, welche den Schlüssel zu den Geheimnissen, als deren Hüter sie bestellt sind, verloren haben, dazu dienen die Aufklärungen derjenigen, bei denen die Religion nicht bloss eine Gefühlsschwärmerei, sondern eine durch Erfahrung bestätigte exakte Wissenschaft war. Die vergleichende Theologie ist eine in Deutschland noch beinahe unbekannte Wissenschaft, und dennoch kann derjenige, welcher noch keine eigene Erkenntnis besitzt, nur durch eine Vergleichung der verschiedenen Formen, in welchen ihm ein und dieselbe Wahrheit geboten wird, dazu gelangen, diese Wahrheit selbst zu entdecken. Es giebt nur eine einzige ewige Wahrheit, und sie ist in den verschiedenen Religionssystemen in verschiedenen Formen dargestellt. Eine Vergleichung dieser verschiedenen Formen, in welche die Wahrheit gekleidet ist, dient dazu, zwischen dem, was den Formen, und dem, was der Wahrheit selbst angehört, unterscheiden zu lernen und, indem wir uns von der Täuschung der Formen befreien, den Geist der Wahrheit zu befähigen, sich uns zu enthüllen.

Wenn wir aber den wahren Geist, der in den Vedas und Puranas, in den Upanishads, dem Mahabharata und der Bhagavad Gita lebt, kennen lernen wollen, so werden wir uns schwerlich an die europäischen Philologen wenden, welche uns wohl eine Übersetzung von Worten, nicht aber eine Wiedergabe des Sinnes derselben geben können, solange sie den Sinn derselben selbst nicht zu begreifen imstande sind. Eine Wissenschaft oder Philosophie ohne Weisheit, d. h. ohne die Erkenntnis der allem Wissen zugrunde liegenden Wahrheit, ist ein leerer Schein, und so ist auch die Erklärung von Schriften, deren geheimen oder tieferen Sinn der Erklärende selbst nicht versteht, ein Dreschen von leerem Stroh, wie die unsinnigen Kommentare, welche den meisten Übersetzungen orientalischer Werke angehängt sind, beweisen.

Die wahre Theosophie umfasst das ganze Gebiet des Wissens. Wenn Gott sich im Menschen und dadurch der Mensch sich in Gott erkennt, so erkennt er sich selbst als das Ganze und das ganze Weltall als eine Erscheinung seiner geistigen Natur. Die theosophischen Lehren beziehen sich deshalb auf die Erkenntnis der Wahrheit in allen Dingen, abgesehen von ihren äusseren Erscheinungen, deren Beobachtung in das Gebiet der Wissenschaft des Scheines gehört. Sie weisen uns daraufhin, was der Mensch seinem wahren Wesen nach ist, und was die Welt ist, in welcher er sich als eine vorübergehende Erscheinung bewegt. Sie unterrichten uns über den Ursprung und die Bestimmung des geistigen Menschen, über die Zusammensetzung der Organisation, in welcher er wohnt, und über das Schicksal, welchem die einzelnen Teile oder Elemente, aus denen seine Natur besteht, nach der Auflösung des Bandes, welches diese Kräfte zu einem Ganzen verbindet, verfallen. Sie lehren uns, dass der wirkliche und wesentliche Mensch nicht die begrenzte Erscheinung ist, unter welcher er sich unseren Sinnen darstellt, sondern ein viel höheres Wesen, das sich in dieser Erscheinung, welche seine „Person" darstellt, offenbart, dessen Dasein aber nicht auf das Dasein dieser persönlichen Erscheinung beschränkt ist, das in ihrem innersten Wesen unsterblich ist und sich dieser Unsterblichkeit bewusst zu werden vermag. Sie lehren uns, dass der Zweck des menschlichen Daseins ist: dass er zur Selbsterkenntnis seiner wahren göttlichen Natur gelange und dass er, solange er diese Selbsterkenntnis nicht erlangt hat, immer wieder eine neue Rolle in dieser Welt der Erscheinungen spielen muss, angezogen durch seine Begierde zum Leben, bis dass er endlich sein „Ich“ den Erlöser, d.h. den Gottmenschen in sich selber gefunden hat und dadurch zur Selbsterkenntnis und Freiheit gelangt ist. Sie lehren uns, dass die Gesetze des Karma, d.h. der göttlichen Gerechtigkeit, unabänderlich sind, dass das, was der Mensch säet, er in diesem oder im zukünftigen Leben ernten wird, und dass es keine andere Vergebung der Sünden giebt, als diejenige, welche eintritt, wenn der Mensch durch eine Vereinigung mit seiner göttlichen Natur sich von seinem eigenen täuschenden, sündhaften „Selbst“ befreit.

Würde der Mensch Gott in sich selbst und in der ganzen Menschheit erkennen, so würde er dadurch zu einem höheren Selbstbewusstsein, zu einer Erkenntnis seiner wahren Menschenwürde gelangen. Die Welt schwärmt von Reformern, welche den Baum der Menschheit durch äusserliche Beschneidung verbessern wollen. Europa ist von Kriegen bedroht und vergeblich suchen die Friedensfreunde den bewaffneten Frieden, welcher ebenso schlimm ist als der unbewaffnete Krieg, abzuschaffen, da doch hierzu vor allem die wahre Erkenntnis gehört. Das Kapital ist mit der Arbeit im Streit, weil die eine sowohl als die andere Seite vor allem auf ihren eigenen Vorteil bedacht ist. Eine Horde von Unvernünftigen lässt unter der Maske der Religion und Humanität ihren Leidenschaften die Zügel schiessen, und missbraucht den Namen des Christentums zu Zwecken, welche dem Geiste desselben geradezu entgegengesetzt sind. Überall herrscht Eigendünkel und Selbstsucht und die Gier nach dem, was vergänglich ist und keinen wirklichen Wert besitzt. Würde die Mehrzahl der Menschen auch nur eine Ahnung ihrer eigenen höheren Natur haben, so würden alle die Übel, die man jetzt vergebens gewaltsam beseitigen will, von selbst aufhören, da ihnen die Wurzel, aus der sie entspringen, entzogen würde; die Erkenntnis allgemeiner Menschenrechte würde an die Stelle der Vorrechte von Nationen und Klassen treten, und wir könnten ein Reich der Vereinigten Staaten von Europa bilden, ein Reich des Friedens, in welchem der wahre Fortschritt gedeihen hönnte. Es hindert uns nichts daran, als die Verkehrtheit unserer ei genen Anschauung, infolge deren wir nichts sehen als das eigene täuschende vergängliche Selbst, und was auf dasselbe Bezug hat.

Es giebt für die Menschheit kein anderes Heil, keine andere Erlösung als in Gott, aber der Gott, der allein uns befreien kann, ist nicht der Gott der populären Theologie, welcher ausserhalb der Welt existiert, je nach seiner Laune handelt und sich durch Petitionen bewegen lässt, nach menschlichem Willen zu handeln. Wie jeder Baum, jedes Tier nur durch diejenige Kraft genährt und erhalten wird, welche in seinem eigenen Organismus als Leben wirkt, so kann auch der Mensch nur durch dasjenige Licht, welches in ihm selbst offenbar wird, zur wahren Erkenntnis, zum Bewusstsein seiner menschlichen und göttlichen Würde gelangen.

Dieses höhere Selbstbewusstsein kann nicht durch eine forcierte religiöse Erziehung erweckt werden, welche in dem Einbläuen von missverstandenen Dogmen und der äusserlichen Befolgung kirchlicher Gebräuche besteht, auch nicht durch die Begünstigung eines Kirchentums, welches Christus zum Kirchendiener gemacht hat, um weltlichen Interessen zu dienen, auch durch keine Erziehung, welche den Menschen unselbständig macht, indem sie ihn darauf hinweist, sein Heil in irgend etwas anderem als in der in ihm selbst wirkenden Kraft des göttlichen Geistes zu suchen. Ist aber der Mensch einmal dahingekommen, in sich selbst nach der Freiheit von allem, das ihn erniedrigt, zu suchen, und seine eigene Welt kennen zu lernen und zu beherrschen; dann wird er auch in seiner Seele schlummernde Kräfte entdecken, von denen die moderne Wissenschaft nichts weiss, die aber nur erweckt werden, um aus ihm, dem Wurm der Erde, einen Herrscher des Himmels und der Erde zu machen, dem seine ganze Natur unterthan ist.

Seit der Ausbreitung der „theosophischen Gesellschaft“ in Indien haben sich eine Menge der kostbarsten litterarischen Schätze in Bezug auf Kosmologie, Anthropologie usw. unserer Forschung eröffnet, welche früher den Europäern verborgen waren; denn bei den Indiern gilt mehr als bei andern der Grundsatz, dass man sich heiligen und erhabenen Dingen nicht anders als mit erhabenem Gemüte nahen soll, und es ist leicht zu begreifen, dass die Brahminen nur mit scheelem Auge auf die Profanation und Verunstaltung ihrer heiligen Bücher durch unheilige und skeptisch denkende „Orientalisten“ sahen. Da aber der erste Grundsatz und einzige Glaubensartikel dieser Vereinigung die Gleichberechtigung aller Menschen vor dem Throne der Wahrheit ist, so hat auch die darausfolgende Verbrüderung zwischen dem Osten und dem Westen dazu gedient, die Schranken niederzureissen, welche Jahrhunderte der Intoleranz und Bigotterie zwischen ihnen aufgebaut hatten, und während das moderne Kirchentum Europas, welches fast nur mehr als Modesache besteht, seinem Zerfalle entgegengeht, entzündet sich für uns eine neue Leuchte im Osten, ein Licht verbreitend, welches keine sektiererischen Bestrebungen kennt, welches den Christen und Juden, Brahminen, Buddhisten und allen genügen kann, das Licht der Wahrheit, dessen Erkenntnis die Weisheit ist.


(Lotusblüten, 1893, Band 1, S. 87-105)





22.10.18

THEOSOPHIE




Von Franz Hartmann

„Ich wohne in den Herzen von Allen.
Von mir kommt das Denken und Wissen.“
(Bhagavad Gita. XV. 15.)

Die erste Frage, welche uns in unserer Unternehmung begegnet, ist: „Was ist Theosophie?“  Die Antwort ist einfach, und dennoch für die meisten schwer zu begreifen. Das Wort „Theosophie“ kommt von Theos, Gott, und Sophia, Weisheit, und bedeutet Gottesweisheit, oder mit anderen Worten die Selbsterkenntnis Gottes im Weltall.  Um nun zu wissen, was die göttliche Weisheit ist, müssten wir vor allem die Frage beantworten: „Was ist Gott?“ und damit hätten wir die Schwelle der menschlichen Erkenntnisfähigkeit überschritten; denn wenn wir uns auch von Gottes Wesen irgend einen Begriff oder eine Meinung bilden könnten, so würden wir doch nicht wissen, ob dieser Begriff der richtige sei.  Um Selbsterkenntnis von Gott zu besitzen, müssten wir Gott sein, und uns selber als Gott erkennen, und damit hätte die menschliche Erkenntnis aufgehört und die Weisheit Gottes wäre an ihre Stelle getreten.

Die Bhagavad Gita sagt, indem sie Gott (Brahma) darstellt, wie er durch sein Wort (Krischna, den Logos) spricht:

-      „Das ganze Weltall ist von mir ausgebreitet worden; aus mein ernichtoffenbaren materiellen Natur (Prakriti) ist es hervorgegangen. Ich bin der Vater, die Mutter, der Erhalter, die Quelle von allem Sein. Ich bin der Weg, der Herr, der Zeuge, die Wohnung, die Zuflucht, der Freund, des Lebens Ursprung und der Zerstörer der Formen.“ (Kap. IX, 4, 17.)

In der Bibel steht ähnliches unter den Psalmen, und wenn wir uns unter den deutschen Mystikern umsehen, so finden wir dieselbe Lehre, wenn auch mit anderen Worten. So sagt z. B. Meister Eckhart der Mystiker:

-      „Gott (Parabrahm) kann nicht beschrieben werden. Alle Prädikate sind fremdartige Zusätze zum blossen göttlichen Wesen. Seine Natur ist die, ohne Natur zu sein. Ein einziges Prädikat dem Wesen beigelegt, hebt den Begriff des Wesens auf.“ (160,30.)

-      „Alles abgeschieden, abgezogen und abgeschält; dass nichts übrig bleibt als ein einziges „Ist“, das ist sein eigentlicher Name.“ (108,31.)

Aber in Gottes materieller Natur, dem „Urstoff des Weltalls“ (Mulaprakriti) sind alle Dinge enthalten. Dies hat schon Plato erkannt, und Eckhart sagt:

-      „Gott hat alle Dinge verborgen in sich. Alle Dinge sind in Gott, sofern sie ewig in Gott gewesen sind, nicht in grober Materialität, wie wir jetzt sind, sondern wie die Kunst in dem Meister. Gott sah sich selber an und sah alle Dinge.“ (502, 22.)

-      „Gott spricht nur ein Wort, seinen Sohn; aber in diesem spricht er alle Kreaturen ohne Anfang und ohne Ende.“ (76, 28.)

-      „Unterliesse Gott dieses Sprechen auch nur einen Augenblick, Himmel und Erde müssten vergehen.“ (100, 29.)

-      „In dem klaren Spiegel des ewigen Sichselbstwissens des Vaters, da gestalteter ein Abbild seiner selbst, seinen Sohn. In diesem Spiegel bilden sich alle Kreaturen ab, und man erkennt sie darin; freilich nicht als Kreaturen, sondern als Gott in Gott.“ (378, 36.)

Eckhart bezeichnet Gott als die höchste Vernunft; Jakob Böhme bezeichnet ihn als den Geist oder Willen, und die Weisheit als die Jungfrau oder Gottes Natur:

-      „Nun ist die Jungfrau vor Gott, und aneignet sich zu dem Geiste, von dem die Kraft ausgehet, daraus sie die züchtige Jungfrau der Weisheit wird; die ist nun Gottes Gespielin, zur Ehre und Freude Gottes; die erblicket sich in dem ewigen Wunder Gottes, und in dem Erblicken wird sie sehnend nach dem Wunder in der ewigen Weisheit, welche doch sie selber ist, und sehnet sich also in sich selber, und ihr Sehnen sind die ewigen Essentien, die ziehen an sich die heilige Kraft, und das herbe Fiat schaffet es, dass es im Wesen steht, und sie ist eine Jungfrau, und hat nie geboren, und nimmt auch nichts in sich.“
(„Von den drei Prinzipien göttlichen Wesens.“ XIV, 87.)

Ähnliche Aufschlüsse finden wir in alten und neuen Schriften, in allen möglichen Theologien, und die Philosophen aller Zeiten haben sich abgequält, Gott zu beschreiben, und das was über alle menschliche Begriffe erhaben ist, den Menschen begreiflich zu machen.  Damit ist aber unserer Wissbegierde wenig gedient, und so lange wir von Gott keine Selbsterkenntnis besitzen, gehören für uns alle solche Dinge in das Reich des Mondscheins, der Spekulation.  Ob wir nun mit dem Teleskop die Himmelsräume durchsuchen, oder mit dem Mikroskop das Atom zu entdecken verlangen, wir finden nirgends eine Spur von einem Gott, der ausser uns selber ist.

Somit wäre es wohl ein verzweifeltes Unternehmen, auf dem Wege wissenschaftlicher Beobachtung zur Gotteserkenntnis gelangen zu wollen.  Nehmen wir aber an, dass Gott allgegenwärtig ist, so wird das, was für uns so schwierig schien, auf einmal sehr leicht; denn wenn Gott allgegenwärtig ist, so ist er auch in uns selbst, und wir brauchen dann nur unser eigenes Wesen in Wahrheit kennen zu lernen, um Gott zu erkennen.

Die Frage: „Was ist Gott?“ löst sich somit in die Frage auf: „Was bin ich?“

Wenn ich mich selbst betrachte, so finde ich: dass ich weder mein Körper, noch mein Gefühl, noch mein Denken, ebensowenig als mein Essen und Trinken, bin. Man kann wohl sagen, dass weder Körper, noch Seele, noch Geist, wohl aber alle drei zusammen den Menschen ausmachen; aber ausser diesen Dreien ist noch etwas Höheres in mir, für das ich keinen Begriff und keinen Namen habe, und das ich nicht kenne.  Dieses Eine, das den Grund meines Selbstbewusstseins bildet, ist mein Ich. Dieses Ich ist etwas, welches weiss, was ich weiss, und welches, wenn ich nichts weiss, auch weiss, dass ich nichts weiss.  Verliere ich das Bewusstsein dieses Ichs, wenn ich einschlafe, so ist doch dasselbe Ichbewusstsein wieder da, wenn ich aufwache; dieses Ich scheint ganz von meinem persönlichen Bewusstsein unabhängig zu sein, und ich habe keinen Grund, um zu behaupten, dass dieses Ich nicht ewig ist und nicht fortexistiert, wenn meine Person aufgehört hat zu leben oder sich mit ihm zu beschäftigen.  Allerdings kann es viele Menschen geben, von denen ein jeder glaubt, dass seine Person sein wirkliches und wahres „Ich“ sei; allein schon ein geringer Grad von Nachdenken genügt, um uns von dem Irrtum dieser Ansicht zu überzeugen; denn wir sehen, dass diese Person in jeder Beziehung, körperlich, im Gefühlsleben und auch in ihren geistigen Thätigkeiten, einem fortwährenden Wechsel unterworfen ist; dass wir heute nicht mehr dieselben Personen sind, die wir als Kinder waren, und dass wir in einer Reihe von Jahren ein anderes Aussehen, andere Instinkte, andere Meinungen haben werden; auch strebt kein vernünftiger Mensch darnach, das zu bleiben, was er ist; sondern jeder sucht ein „anderer" und besserer oder glücklicherer Mensch zu werden; nur der Idiot und der Heilige sind mit sich selber zufrieden.  Aber im Grunde aller dieser Veränderungen des Bewusstseins ist etwas, das sich, so lange wir leben und fühlen und denken, für uns immer gleich bleibt, in welchem wir keine Veränderung wahrnehmen, nämlich das Selbstbewusstsein: Ich bin!  Dieses unbekannte Etwas weiss, dass es ist, weil es sein eigenes Dasein erkennt; diese seine Erkenntnis beruht nicht auf Spekulation, noch auf den Aussagen anderer Leute, nicht auf Berechnungen, noch auf Autoritätenglauben, sondern es weiss, dass es ist, aus keinem anderen Grunde, als weil es ist und sein Dasein erkennt.  Dieses tiefer liegende Ich ist, wie wir aus eigener Selbstbetrachtung erkennen, die Ursache unserer Fähigkeit, zu denken, zu fühlen und zu handeln; nicht aber unser Denken, Fühlen und Handeln selbst. Es ist die Quelle unseres Seins, und deshalb nennt man es „Gott“.

Die Bhagavad Gita sagt:

-      „Ich bin die Seele, die in dem Herzen eines jeden Geschöpfes wohnt; ich bin der Anfang, die Mitte und das Ende von jedem Ding.“ (X, 20.)

In der Bibel heisst es:

-      „Wisset ihr nicht, dass ihr Tempel Gottes seid, und dass der Geist Gottes in euch wohnet?“ (I. Corinth. III, 16.)

-      „Christus in uns ist das Geheimnis der Erlösung, die Hoffnung dieser Herrlichkeit.“ (Col. I, 27.)

Auch sagt uns unsere Vernunft und Beobachtung, dass, wenn auch die Erscheinungen, in denen das Leben sich äussert, sich fortwährend ändern, doch das Sein immer dasselbe ist, und dass wir in ihm keine Veränderung wahrnehmen.

Solange wir aber von diesem unserem Ich, welches weiss, dass es ist, nichts weiteres wissen, als dass es ist, können wir auch nichts über dessen Eigenschaften und Funktionen wissen, und haben kein Recht, Behauptungen über dasselbe aufzustellen.  Wenn Gott in uns auch göttliche Selbsterkenntnis besitzt, so kann uns dies doch nichts nützen, so lange wir nicht an dieser Erkenntnis teilnehmen können; wenn dieses Ich auch unsterblich ist, so kann doch diese Unsterblichkeit unserer Menschennatur nicht zugute kommen, so lange diese Natur von diesem Ich verschieden und sterblich ist, und von der Unsterblichkeit Gottes nichts weiss.  Eine solche göttliche Erkenntnis und Unsterblichkeit ist erst dann denkbar, wenn die menschliche Natur von der göttlichen Natur durchdrungen und in ihr aufgegangen ist.  Eine unbewusste Erkenntnis ist keine Erkenntnis; eine Unsterblichkeit ohne Bewusstsein kann uns nichts nützen.  Erst wenn wir nicht bloss unsere Persönlichkeit, sondern unser wahres Ich, Gott in uns, erkennen, haben wir die Gotteserkenntnis, die wahre Theosophie.

Diese göttliche Selbsterkenntnis kann sich aber niemand durch eigenes Haschen und Suchen erringen; es ist vielmehr ein geistiges Erwachen, welches durch die Kraft des Geistes entsteht, wenn die Bedingungen dazu vorhanden sind.  Wie das Sonnenlicht in das Herz einer Knospe dringt, wenn, gehorchend dem Reize des Lichts, sich ihr Kelch den Sonnenstrahlen eröffnet, so dringt die göttliche Liebe ins Menschenherz und wird die Ursache seiner Erleuchtung, wenn die Hindernisse beseitigt sind, welche sich dieser Wirkung entgegenstellen.  Diese Hindernisse sind vor allem die Selbstsucht mit den aus derselben entspringenden Begierden und Leidenschaften, und ferner alle die Irrtümer, Vorurteile und Meinungen, welche aus der Nichterkenntnis der ewigen Wahrheit entspringen.  Um nun diese Hindernisse zu beseitigen, dazu kommen uns die theosophischen Lehren zu Hilfe, d. h. die Lehren derjenigen Menschen (Adepten), welche zur Selbsterkenntnis gelangt sind.  Diese theosophischen Lehren sind noch lange keine Theosophie, wohl aber sind dieselben dazu geeignet, uns zu einer richtigen Weltanschauung zu verhelfen, und uns dadurch auf den Weg zu leiten, auf welchem wir durch den Sieg über unser illusorisches „Ich" zur Erkenntnis Gottes gelangen können.  Die theosophischen Lehren weisen uns darauf hin, dass Gott alles in allem und in allem das Höchste ist, und dass, wenn wir zur Selbsterkenntnis in Gott gelangt sind, wir in ihm alles erkennen werden.  Wer deshalb diesen Weg betreten und auf ihm mutig fortschreiten will, der wird Gott und in Gott alles erlangen, was er nur wünschen kann; wer aber nicht selbst diesen Weg wandeln will, für den haben auch die theosophischen Lehren nicht mehr als einen theoretischen Wert, sie sind für ihn blosse Spekulationen, von deren Wahrheit ihm niemand einen überzeugenden Beweis bringen kann, wenn er nicht in der eigenen Anschauung den Beweis dafür findet.

Diese Anschauung kann nur dann unsere eigene sein, wenn durch die Erhebung zu unserem wahren Ich, durch die Vereinigung mit dem göttlichen Wesen in uns, die Selbstbetrachtung Gottes unsere eigene Selbstbetrachtung geworden ist, und da Gott das Ganze umfasst und in sich trägt, so umfasst auch seine Selbstanschauung das Ganze und es kann ihm nichts verborgen sein, das Wesen hat, da er ja selbst das Wesen in allem ist. Da er selbst die Wahrheit ist, so liegt in seiner Selbsterkenntnis die Erkenntnis der Wahrheit in ihrem ganzen Umfange; er braucht keine Schlussfolgerungen oder Berechnungen, um der Wahrheit auf den Grund zu kommen; er erkennt das, was ist, aus keinem anderen Grunde, als weil es ist, und er erkennt es, weil er es selber ist, und er sich selbst als alles erkennt.  Gott kümmert sich um keine wissenschaftlichen Theorien und Meinungen, er ist die Wahrheit in allem und es ist ein fruchtloses Bemühen, wenn, wie es häufig geschieht, manche darnach trachten die Theosophie mit den Theorien der Gelehrten in Einklang zu bringen; vielmehr sollten die Gelehrten sich bemühen, ihre Theorien mit der Wahrheit in Einklang zu bringen, wozu es allerdings nötig wäre, die Wahrheit erst kennen zu lernen, und um sie kennen zu lernen, muss man den äusseren Schein verlassen und die Wahrheit in sich selber aufnehmen und sie erfassen.

-      „Wenn ihrs nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen.“ (Goethe.)

Das Gefühl des Wahren ist das erste, und tritt ein, wenn die Wahrheit im Menschen zur Kraft wird, die ihn begeistert und durchdringt. Das Gefühl allein ist aber noch kein Begreifen, keine volle Erkenntnis; es gehört dazu auch noch die Eröffnung der inneren Sinne, welche auf dem Wege der geistigen „Wiedergeburt“ stattfinden.  Durch diese Wiedergeburt erlangt der innere Mensch, welcher den äusseren Menschen mit Gott verbindet, Wesen und Organisation.  Erst wenn der innere geistige Mensch geboren, zum Bewusstsein gekommen, und durch die geistige Nahrung, welche er durch den Geist der Wahrheit erhält, zur Reife gelangt ist, kann von einer Selbsterkenntnis des geheimnisvollen Ichs, welches die Menschen nicht kennen, die Rede sein.  Ohne diese Selbsterkenntnis aber ist der Mensch nur ein Scheinwesen, ein Nichts, das sich für etwas hält, was es nicht ist, und sich dadurch verhindert, zu erkennen was es ist oder werden kann. Ohne dieses innere Erwachen kann man wohl ein Träumer und Schwärmer sein, aber kein wirklicher Theosoph.

Dieses innere Erwachen, diese Erlangung eines höheren geistigen Selbstbewusstseins aber kann dadurch erreicht werden, dass der Mensch die Nichtigkeit alles äusseren Scheines erkennt, dass er so wie ein erwachsener Mensch die Spielsachen fortwirft, die ihn in seiner Jugend lebhaft interessierten, aus freiem Willen und mit freudigem Herzen allen Illusionen des Lebens, allem Vergänglichen, allen Begierden nach dem, was sterblich ist, allem falschen Wissen entsagt und sich davon losmacht, und in Gott, seinem Führer, der in ihm lebt, allein seine Zuflucht sucht.  Wer dieses göttliche Ich, das eins mit, dem Gott des Weltalls ist und in ihm seine Wurzel hat, wie ein Sonnenstrahl in der Sonne, in seinem Herzen findet, der erlangt die Herrschaft über sich selbst, und wer Herr über sich selbst ist, ist niemandem unterthan.  Er tritt in das Licht, in die Freiheit ein, und da er eins mit dem Gesetze ist, so ist er selbst das Gesetz.  Menschliche Freuden und Leiden haben über ihn keine Macht mehr, denn „er“ hat aufgehört zu sein. Er lebt, aber nicht er, sondern Gott (Iswara – der Herr) lebt in ihm.  Er unterscheidet zwischen sich selbst und seiner Natur, und was auch seine Natur leiden mag, er verhält sich dabei wie ein unbeteiligter Zuschauer; denn er ist nicht mehr mit seiner Natur identifiziert, sondern über dieselbe erhaben; er ist eins mit Gott, in dem die ewige Ruhe und Seligkeit und das ewige Sein (sat chit anandam) in Einem enthalten ist, der in sich selbst existierend und unabhängig von äusseren Dingen ist, für den auch nichts äusseres existiert, da er ja selber alles in allem ist, und alles, was ausser ihm zu sein scheint und für uns sichtbar ist, nichts ist als eine Welt von Formen, die er selber durch seinen Willen in seiner Weisheit hervorgebracht hat, als ein Produkt seiner eigenen Selbstanschauung.  Diese Selbstanschauung und Selbsterkenntnis Gottes, die nur der mit Gott vereinigte Mensch, nicht aber der Mensch ohne Gott, und wenn er auch noch so gelehrt wäre, begreifen kann, ist die Gottesweisheit oder Theosophie.

(Lotusblüten, 1893, Band 1, S. 1-15)