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3.11.18

ÜBER DEN FORTSCHRITT DER THEOSOPHISCHEN BEWEGUNG IN EUROPA



Von Franz Hartmann

Vor allem erlauben wir uns zu bemerken, dass, wenn wir über den Fortschritt der theosophischen Bewegung in Europa zu sprechen beabsichtigen, wir dabei keineswegs die Ausbreitung der „Theosophischen Gesellschaft“ im Auge haben, sondern den Fortschritt der Menschheit in der Erkenntnis der Wahrheit Theosophie im wahren Sinne des Wortes ist die Erkenntnis der Wahrheit, die Anerkennung der wahren Menschennatur und ihrer Rechte. Die „Theosophische Gesellschaft“ dagegen ist nichts anderes als ein Verein, welcher sich die Beförderung dieser Erkenntnis, nach welcher die ganze Menschheit ringt, zur Aufgabe gemacht hat, und um ein wirklicher Theosoph zu sein, d. h. Selbsterkenntnis zu erlangen, ist es nicht nötig, irgend einem äusseren Vereine anzugehören. Wer das nicht innerlich ist, was er äusserlich vorstellt, der ist nichts als ein Schauspieler, welcher Komödie spielt; diejenigen aber, welche nach Wahrheit im Geiste der Wahrheit streben, sind durch diesen Geist geistig vereint, wenn sie auch äusserlich noch so sehr von einander verschieden sind.

Wir könnten statt „theosophische Bewegung“ die Bezeichnung „Bewegung des Fortschrittes, der Freiheit, der Aufklärung, der Civilisation“ u. dgl. benützen; allein alle diese Bezeichnungen sind zweideutig und werden häufig auf Dinge angewendet, die geradezu dem wirklichen Fortschritt, der wahren Freiheit usw. entgegengesetzt sind. Für die Bezeichnung „Selbsterkenntnis“, d. h. Erkenntnis der Hoheit und Freiheit der wahren Menschennatur, dürfte kaum ein Missverständnis zu befürchten sein. Sie wird entweder richtig oder garnicht verstanden. Diese erhabene Selbsterkenntnis ist die Wurzel, aus welcher aller geistige Fortschritt, alle wahre Freiheit und wirkliche Kultur entspringen; sie ist der Fels, auf welchem die wahre Religion im Menschenherzen beruht, und ohne welche die Wissenschaft keine Festigkeit hat. Wer irgend ein grosses, erhabenes, uneigennütziges Werk vollbringt, der handelt im Geiste der Theosophie; denn jede edle That, welche die Welt beglückt und keinen anderen Beweggrund hat, als Gutes zu thun, entspringt dem höheren Selbstbewusstsein, in welchem der Mensch die Göttlichkeit seiner Natur, wenn auch nicht völlig erkennt, so doch fühlt.

Um daher den Fortschritt der theosophischen Bewegung in Europa zu verfolgen, müssten wir alle die grossen und edlen Thaten, welche daselbst in den verschiedenen Gebieten der Politik, der Religion, Wissenschaft, Humanität, Rechtspflege u. s. f. während der letzten Jahrzehnte ausgeführt wurden, untersuchen, und um dies zu thun, müssten wir auch die Motive kennen, welche denselben zugrunde lagen, und da würde es sich vielleicht zeigen, dass manche That, welche von der Mit- und Nachwelt angestaunt wird, nicht aus Liebe zum Besten der Menschheit, sondern aus persönlichem oder nationalem Interesse, aus Eitelkeit, Herrschsucht u. dgl. entsprang. Da es aber nicht unsere Sache ist, über die Gewissenszustände von Personen ein Urteil zu sprechen, so müssen wir auf ein tieferes Eingehen in diesen Gegenstand verzichten, und uns an äusserlich auftretende Erscheinungen halten.

Hier begegnen wir nun in der Litteratur einem bedeutenden Umschwung in Bezug auf Weltanschauung. Die Affenphilosophie, welche vor zwanzig Jahren noch überall Mode war, ist vom Markte verschwunden und der Affenvogt regiert heutzutage nur mehr in den Kneipen und in den Köpfen der untersten Klassen der Gesellschaft. Noch ist es nicht lange her, dass man von „Geist“, „Gemüt“ und „Seele“ in den Kreisen der „Aufgeklärten“ nicht sprechen konnte, ohne für einen Schwärmer gehalten zu werden. Tugend, Gerechtigkeit, Selbstbewusstsein, Ehrlichkeit und Geduld waren die Resultate der körperlichen Ernährung, die Entwicklungsprodukte von etwas Höherem aus etwas Niedrigem, ohne die Gegenwart eines höheren Prinzips, an dessen Offenbarwerden zu glauben ein Unsinn war. Das Leben selbst war ein Resultat zufällig zusammenwirkender lebloser mechanischer Kräfte, ohne Lebensprinzip, das Denken eine mechanische Thätigkeit des Gehirns ohne irgend 'einen Einfluss von Ideen, und der Glaube an eine göttliche Kraft, aus der alles, was da ist, seinen Ursprung nahm, wurde als ein Aberglaube betrachtet, der nur noch in der Rumpelkammer mittelalterlicher Verrücktheiten einen Platz hatte. Ludwig Büchner war damals das angebetete goldene Kalb der deutschen Philosophie; aber der Zeitgeist war stärker als seine Philosophie, von der es sich übrigens jetzt herausstellt, dass sie nicht so schlimm gemeint war, als sie aufgefasst wurde. Man konnte sich nicht in die Länge damit begnügen, das Nichts anzubeten, man konnte die materialistischen Theorien, in denen kein Funke von Wahrheit war, nicht mit dem Wahrheitsgefühl im Herzen in Einklang bringen; selbst die Vorstellung schreckte zurück vor den Resultaten einer Weltanschauung, in welcher alles auf blindem Zufall beruht. Man suchte tiefer und man verfiel auf den „Hypnotismus“, die „Suggestion“ und „Telepathie“, welche in Deutschland in Karl Du Prel einen gewandten Verteidiger fanden.

Dieser „Hypnotismus“ usw. haben dem Eigendünkel der Wissenschaft, welcher sich damals auf dem Gipfelpunkte alles möglichen Wissens angelangt zu sein wähnte, einen gewaltigen Strich durch die Rechnung gemacht. Allerdings waren diese Dinge schon längst den alten Philosophen, wenn auch unter anderen und besseren Namen bekannt, finden sich in den Büchern von Theophrastus Paracelsus, den Schriften der Rosenkreuzer usw. beschrieben, und sind in der That nur die Anfangsgründe der den Indiern so ausführlich bekannten „geheimen“ Naturwissenschaft. Aber für unsere Gelehrten waren sie etwas Niedagewesenes, Unerhörtes und Unglaubliches, man taufte sie mit unpassenden Namen, welche davon Zeugnis geben, dass man ihr Wesen nicht erkennt, und schmückt sich nun mit den Federn, welche Paracelsus, Cagliostro und Jakob Boehme gehören. Aber es naht die Zeit, wo man begreifen wird, dass die Welt nicht durch eine hypnotische Autosuggestion entstanden ist, dass das göttliche Selbstbewusstsein dem Menschen nicht „einhypnotisiert“ werden kann, und dass im Herzen des Universums, wie auch in der Seele das Menschen eine höhere Kraft waltet, die sich die ganze Natur unterwerfen kann, sobald sie offenbar wird, nämlich die göttliche Selbsterkenntnis, die göttliche Weisheit oder „Theosophie“.

Wenn es auf dieser Welt etwas im Grunde Falsches und Verlogenes giebt, so ist dies die Weltgeschichte, wie sie heutzutage die Grundlage des Wissens des „aufgeklärten Kulturmenschen“ bildet. Wie könnte es auch anders sein, da sie von Personen geschrieben ist, welche weder die Gesetze des Karma, das die Menschen zum Handeln treibt, noch von dem Ursprung des Daseins und der zu dessen Erhaltung nötigen allgegenwärtigen Kraft Kenntnis haben?

Von den 18,618,732 Jahren, welche seit dem Erscheinen von Vaivasvatu Manu, unseres Stammvaters, vergangen sind, kennt die moderne Weltgeschichte kaum einen Zeitraum von 2000 Jahren und auch von diesen weiss sie nichts, das von wesentlicher Bedeutung wäre, und auf dessen Richtigkeit man sich wirklich verlassen könnte. Sie kann uns nur über einige in verhältnismässig neuerer Zeit zutage getretene äussere Erscheinungen Nachricht geben, deren innere Ursachen sie nicht kennt, sie handelt von Personen, die sie nicht kennen kann, weil sie nicht weiss, dass alle Personen nur Symbole, Instrumente einer allen Erscheinungen zugrunde liegenden geistigen Kraft sind, deren Dasein sie nicht kennt und deren Natur für sie ein Rätsel ist. Unter diesen Umständen ist das Erscheinen von H. P. Blavatskys „Secret Doctrine" (Geheimlehre) ein epochemachendes Ereignis. Aus dem Grunde der Selbsterkenntnis geschrieben und mit logischen Gründen gepanzert, giebt sie uns ein wahres Bild der Geschichte der Welt, und es ist sehr zu wünschen, dass dieses Buch ins Deutsche übersetzt wird, sobald das Verständnis in Deutschland reif dazu wird; denn eine wahre Anschauung der Natur des Weltalls und der Konstitution des inneren Menschen ist die Grundlage aller Philosophie und Religion.

In religiöser Beziehung erblicken wir auch in Deutschland eine Auflösung der steifen Formen und dadurch ein Freiwerden des Geistes, der die belebende Kraft der Formen ist. Trotz alles staatlichen Schutzes beginnt das Pfaffentum zu wanken und dadurch der Geist des wahren Christentums, welcher die Wahrheit ist, sich auszubreiten und in die Tiefen der Menschenherzen zu dringen. Christus, der so lange als Kirchendiener behandelt wurde, fängt wieder an als der König der Kirche betrachtet zu werden, und wenn auch in kirchlichen Kreisen noch überall das Selbstinteresse vorherrschend ist, so besitzt dasselbe doch nicht mehr seine frühere Gewalt. Die Predigten, welche man heutzutage von den Kanzeln hört, atmen vielfach einen ganz anderen Geist, als vor zwanzig Jahren, und viele davon zeugen von einem höheren Grade der Erkenntnis, welcher auch die Geistlichkeit ergriffen hat. Eine Rückkehr zum heuchlerischen Muckertum des vorigen Jahrhunderts halten wir für eine Unmöglichkeit. Eine Bürgschaft vor dieser Rückkehr ist uns das Fiasko, welches das vorgeschlagene Schulgesetz machte.

Wie durch die Ausbreitung der Toleranz dem sektiererischen Unwesen der verschiedenen Kirchengemeinden der Boden entzogen wird, so hat auch durch das Aufhören der Opposition die Freimaurerei den Zweck ihres Daseins teilweise verloren. Wo jeder seine Meinung frei aussprechen darf, da ist kein Grund vorhanden, dieselbe geheim zu halten.

Was aber die wirklichen okkulten Mysterien, die Religionsgeheimnisse betrifft, so sind dieselben in der modernen Freimaurerei schon längst zur Fabel geworden. Wir sehen in Deutschland keinen Kerning (Koalis) mehr als Meister vom Stuhl, und das geheimnisvolle Wort, welches beim Tode von Hiram Abiff verloren ging, ist auch noch jetzt nicht in den Logen zu finden, weil es ein lebendiges Wort ist, das nur im Innern, wo es wenige suchen, zu finden ist. Wie die Kirchen, so sind auch die Freimaurerlogen zum grossen Teil nur Plätze für gesellige Unterhaltung geworden. Die wahre Freimaurerei, d. h. die von aller Dogmatik freie innere Erbauung des geistigen Menschen, ist aber nur dann möglich, wenn alle Separatinteressen beiseite gesetzt werden und die eine göttliche Wesenheit, welche im Herzen von allen wohnt, anerkannt wird.

Diese Einheit und die daraus folgende Einheit aller Völker und Menschen zu begreifen, wäre wohl nirgends nötiger als in Österreich, wo sich so viele Nationalitäten mit ihren Sonderinteressen feindselig gegenüberstehen. Hier fände sich zu diesem Zwecke ein grosses und fruchtbares Feld für den Wirkungskreis einer „theosophischen Gesellschaft“. Leider aber widersetzen sich die massgebenden Behörden, die Erlaubnis zum Bestehen eines solchen Vereins zu erteilen, da sie sich, aus unbegreiflichen Gründen, einbilden, dass dieser Verein ein „geheimer“ sei. Sicherlich wird sich aber auch hier der Zeitgeist an seinem Fortschritt nicht durch die Bureaukratie hindern lassen, wenn auch dieselbe seiner äusseren Bethätigung einen Stein in den Weg legen kann.

Als eines der erfreulichsten Ereignisse in Österreich erscheint uns das Erscheinen der Zeitschrift „Die Waffen nieder“, herausgegeben von Baronin Bertha von Suttner. Ein allgemeiner Weltfriede wäre allerdings sehr erwünscht, nur wird es nicht möglich sein, durch äussere Mittel ihn zu erlangen. Erst wenn im Herzen der Friede wohnt, kann auch das Äussere zur dauernden Ruhe kommen, im einzelnen Menschen sowohl als im Leben der Völker. Dieser Friede wird aber nicht durch blosse Argumente über die Zweckmässigkeit desselben oder durch die Betrachtung äusserlicher Vorteile, die durch denselben erlangt werden könnten, sondern nur durch die Selbsterkenntnis erlangt. Es giebt keinen andern Erlöser, als die göttliche Liebe. Diese Liebe aber ist die Selbsterkenntnis Gottes im Menschen, wodurch der Mensch sich selbst als ein Glied der grossen Kette, als eine Einheit im Ganzen erkennt.

In Russland scheint es noch sehr dunkel zu sein. Die Selbstsucht tritt dort in verschiedenen Formen, als Antisemitismus, Orthodoxie, Bestechlichkeit usw., ganz besonders auf. Dass es aber auch in Russland einzelne Menschen giebt, welche einer höheren Erleuchtung der Vernunft fähig sind, beweist das Auftreten von Leo Tolstoi und „Vater Johannes“ von Kronstadt. Den jNachrichten zufolge, die wir über den letzteren erhalten, scheint derselbe ein wirklicher Yogi (ein Heiliger) zu sein, der alles durch seine geistige Kraft (Beredsamkeit, Heilung von Krankheiten, Auferweckung von Toten), wie auch durch seine Selbstaufopferung und Wohlthätigkeit in Bewunderung versetzt.

In Frankreich scheint man keine Zeit zu haben, zur Selbsterkenntnis zu kommen. Man ist dort viel zu sehr mit äusseren Dingen beschäftigt, um das Innere, aus dem schliesslich alles Äussere kommt, kennen zu lernen. Zwar bemüht sich unser Freund M. Coulomb, seinen Landsleuten im „Lotus bleu“ die Lehren der indischen Adepten zur Kenntnis zu bringen, und sie dadurch einer höheren Weltanschauung zugänglich zu machen, aber von den wenigen, welche diesen erhabenen Lehren lauschen, erfassen die meisten nur die wissenschaftliche Seite derselben und suchen die dabei erlangten metaphysischen Kenntnisse zu irdischen Zwecken auszunützen, während sie das religiöse Element ausser acht lassen. Andererseits versucht die Herzogin von Pomar, von den besten Absichten beseelt, in ihrer „Amore“ die christliche Religion mit der menschlichen Vernunft in Einklang zu bringen, was wohl kaum gelingen wird, so lange diese Vernunft nicht von göttlicher Weisheit erleuchtet ist. Dies wird aber schwerlich der Fall sein, so lange man in Frankreich nicht die Nichtigkeit aller irdischen Dinge erkennt, und es steht zu befürchten, dass man dort noch eine harte Schule wird durchmachen müssen, ehe man zu dieser Erkenntnis gelangt. Allerdings hat es den Anschein, als ob die geistige Flut, deren Wellenschlag jetzt alle Länder der Erde berührt, auch in Frankreich sich fühlbar mache, denn ein gewisser neuer Kanzelredner namens Pelardin (?) soll dort grosses Aufsehen machen und Tausende mit seinen Worten begeistern. Wir wollen hoffen, dass diese Begeisterung eine bleibende ist; aber so wie wir den Nationalcharakter der Pariser kennen, scheint es uns, dass, wenn selbst ein Engel dort sichtbar vom Himmel herniederstiege, er auch nur vorübergehendes Staunen erregen und man nicht weiter daran denken würde, sobald ein neues Ballett in die Mode käme.

In Spanien scheinen die theosophischen Lehren raschere Anerkennung zu finden, was wohl der vorzüglichen Redaktion der „Estudios Teosoficos“ zu danken ist. Italien dagegen befindet sich noch in der Kindheit des „Spiritismus“, welcher in Deutschland ein überstandener Standpunkt zu werden beginnt, wofür wir der „Sphinx“ zu Dank verpflichtet sind.

Der Norden ist das Land der Träumerei, und deshalb konnte es auch nicht fehlen, dass die so geheimnisvoll und märchenhaft klingenden Lehren der Indier einen tiefen Eindruck auf den Norden machten, und in Schweden, Dänemark und Norwegen rasche Verbreitung fanden. Die Selbsterkenntnis ist aber kein leerer Traum, wenn sie sich einmal im Menschen verwirklicht hat, und die „theosophische Bewegung“ im Norden bietet günstige Vorzeichen, dass diese Verwirklichung des höchsten Idealen dort vielfach Platz greifen und die Ursache eines neuen Erwachens sein wird, welches alles Vergängliche als einen trügerischen Traum erscheinen lässt.

In England findet dies Erwachen vielfach statt, und man fängt an zu begreifen, dass ein äusserer Firnis von Moralität noch lange keine Tugend ist. Die öffentlichen Vorlesungen von Mrs. Annie Besant sind stets überfüllt, so dass man fortwährend gezwungen ist, sich nach noch grösseren Versammlungslokalen umzusehen. Das Andenken von H. P. Blavatsky wird jetzt ebenso hoch gehalten, als ihre Person zu Lebzeiten verlästert wurde. Zahlreiche Wohlthätigkeitsanstalten wurden von der „Theosophischen Gesellschaft“ gegründet, und die „Theosophical Publication Society“ unter der Leitung von Gräfin Wachtmeister verbreitet eine grosse Menge theosophischer Litteratur.

Was aber uns betrifft, so haben wir das begonnene Werk aus keinem anderen Grunde übernommen, als um der Sache des geistigen Fortschrittes in Deutschland einen Dienst zu erweisen, und sind gerne bereit, die Feder niederzulegen, sobald sich jemand findet, der sie besser zu führen versteht. Wir gehören keiner Sekte an, und betrachten als unseren Mitarbeiter jeden gut und edel denkenden Menschen, und verlangen von ihm nichts anderes, als dass er seiner innersten Überzeugung gemäss handelt. Ob er der „Theosophischen Gesellschaft“ angehört oder nicht, ist uns gleichgültig, und wenn er auch die Bedeutung der Bezeichnung „Theosophie“ nicht kennt, oder ihm diese Bezeichnung zuwider ist, weil er damit falsche Begriffe verbindet, thut dies nichts zur Sache. Um geistige Selbsterkenntnis zu besitzen, dazu braucht man keine indische Philosophie zu studieren, und wer keine eigene Erkenntnis besitzt, der hat auch keinen Nutzen von irgendwelcher Philosophie. Wer aber die Wahrheit in sich hat, und sie nicht erkennen kann, weil ihm angelernte und anerzogene Vorurteile und Wahnbegriffe im Wege stehen, welche er nicht abschütteln kann, der wird in den Weisheitslehren des Orients einen Weg finden, der ihn zu der Quelle leitet, aus welcher jeder selbst unsterbliche Wahrheit schöpfen kann.

Diese Quelle ist die Wahrheit selbst. Die theoretische Kenntnis der Wahrheit ist Philosophie, die praktische Selbsterkenntnis derselben ist Theosophie. Dass wir unsere Lehren nicht als „Philosophie“, sondern als der „Theosophie“ zugehörig bezeichnen, hat darin seinen Grund, dass dieselben nicht der logischen Spekulation, sondern der göttlichen Selbsterkenntnis der Weisen entsprangen. Ob es aber eine solche göttliche Selbsterkenntnis im Menschen giebt, und ob dieselbe möglich ist, darüber zu streiten ist nutzlos; der einzige Weg, um sich davon zu überzeugen, ist, dass man sie selber erlangt, und man erlangt sie nur dadurch, dass man sich völlig in sie ergiebt. Diese Selbsterkenntnis der eigenen göttlichen Natur ist das wahre Geistesleben im Menschen, das Licht, welches ihn erleuchtet und welches auch im Tode nicht erlischt. Deshalb sagt Christus:

-      „Wer mir nachfolgt, der hat das ewige Leben“

Und die Bhagavad Gita bestätigt es mit den Worten:

-      „Komm zu mir, als deinem alleinigen Zufluchtsort. Ich werde dich von allem Übel erlösen.“ (XVIII. 66.)

Um aber schliesslich auf die „Theosophische Gesellschaft“ in Deutschland zurückzukommen, so sollte dieselbe allerdings die äusserliche Repräsentation des geistigen Fortschrittes sein, ist es aber leider noch lange nicht. Diese Gesellschaft hat nicht, wie viele zu glauben scheinen, den Zweck, dem Publikum den Geist der göttlichen Selbsterkenntnis einzutrichtern, sondern dazu beizutragen, durch Wort und durch That der Idee der allgemeinen Menschenverbrüderung Eingang zu verschaffen. Da sich dem Verständnisse dieser Idee eine Menge Irrtümer in den Weg stellen, welche die Folge verkehrter Anschauungen über Natur und Menschheit sind, so hat es sich die „Theosophische Gesellschaft“ zur Aufgabe gemacht, sich nicht bloss auf ein einseitiges Studium der Religionen des Westens zu beschränken, sondern auch diejenigen des Ostens kennen zu lernen, und beide miteinander zu vergleichen.

Die wahre theosophische Vereinigung, von der jede äussere Gesellschaft nur ein fehlerhaftes Symbol sein kann, ist, wie die wahre alleinige Kirche, eine geistige Vereinigung, welche zu ihrem Bestehen keiner polizeilichen Genehmigung bedarf, nämlich eine Vereinigung derjenigen Menschengeister, welche Selbsterkenntnis besitzen, und es ist gerade dieser Geist der Wahrheit und Weisheit, welcher dieselben zu einem Ganzen vereint, wenn auch die betreffenden Menschen, in denen dieser Geist sich zu offenbaren strebt, einander persönlich unbekannt sind. Wo dieser innere Geist fehlt, da hat auch das Zusammentreten einer äusserlichen Gesellschaft keinen Zweck und ist nur ein Kinderspiel. Eine „Gesellschaft“, zu selbstsüchtigen Zwecken gegründet und von Menschen geleitet, die keine Selbsterkenntnis besitzen, kann wohl eine Gesellschaft für äussere Zwecke, aber keine „theosophische“ sein. Wir halten es deshalb für besser, ohne den mit dem öffentlichen Auftreten einer Gesellschaft verbundenen Pomp im geistigen Sinne zu wirken, als für irgend eine Gesellschaft Propaganda zu machen. Das Äussere muss das Resultat der inneren Thätigkeit sein. Wo der Keim, das Leben und die Nahrung vorhanden sind, da wächst die Pflanze von selbst. Möge daher jeder in sich selbst nach dem Geiste der Wahrheit suchen, und wenn er ihn gefunden hat, so hat er auch seinen richtigen Führer gefunden, und die äussere Vereinigung wird von selbst erfolgen, nach dem Gesetze des Geistes in der Natur.


(Lotusblüten, 1893, Band 1, S. 144-163)





1.11.18

KURZER ABRISS DER GESCHICHTE DER THEOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT



Von Franz Hartmann

Im Jahre 1875 fanden sich in New-York einige Personen in angesehener Stellung zusammen, um ihre Meinungen in Bezug auf die höheren Probleme der Menschheit, welche die Denker aller Nationen seit urdenklichen Zeiten beschäftigt haben und auch ferner beschäftigen werden, auszutauschen. Die Mehrzahl derselben hatte vergeblich im modernen Kirchentum nach einer höheren Erkenntnis gesucht. Manche davon hatten sich dem Studium des damals zum „guten Ton“ gehörigen materialistischen Rationalismus gewidmet und, um mit Goethe zu sprechen, „mit eifriger Hand nach Schätzen gesucht, aber nur Regenwürmer gefunden“. Andere hatten sich in ihrem Drange nach handgreiflichen Beweisen von einer Fortdauer der Seele nach dem Tode des Körpers dem Spiritismus in die Arme geworfen, aber auch hier nach jahrelangem, mühseligem Forschen grosse Enttäuschungen erfahren; denn die Mitteilungen der angeblichen Geister der Verstorbenen waren entweder von so untergeordneter Art, dass sie ein derartiges, mit dem Verluste der Intelligenz verbundenes Fortleben als einen bejammernswerten Zustand erscheinen liessen, oder in den Fällen, in denen diese Mitteilungen einen Grad von annehmbarer Intelligenz aufwiesen, liess sich die Quelle derselben in ganz anderen Ursachen, als in dem Verstande der „Abgeschiedenen“ finden.

Unter den betreffenden Personen befand sich auch eine russische Dame, namens Helene Petrowna Blavatsky, eine geborene Hahn. Diese Dame hatte grosse Reisen im Kaukasus, in Turkestan, Indien und Ägypten gemacht, viel von Dingen gesehen, von denen sich die europäische Schulweisheit nichts träumen lässt, und in ihren metaphysischen Studien hatte sie manche Geheimnisse entdeckt oder war darin von den Eingeweihten unterrichtet worden. Ausserdem besass sie eine eigentümliche psychische Organisation und Willenskraft, welche es ihr ermöglichte, die von den Spiritisten angestaunten „unerklärlichen“ Wunder aus eigener Kraft und nach Belieben hervorzubringen und dadurch die natürlichen Erklärungen, welche sie darüber gab, zu bestätigen.

Unter diesen Umständen ist es nicht zu verwundern, dass sich H. P. Blavatskys Ruf, auch ohne dass sie darnach verlangte, verbreitete, und dass Gelehrte aus allen Kreisen dieser Vereinigung zuströmten, welche „Theosophische Gesellschaft“ genannt wurde und zu ihrem Präsidenten einen amerikanischen Oberst, Col. Henry S. Olcott, erwählte. Der Name „theosophische“ anstatt „philosophische“ Gesellschaft wurde aber, wie es scheint, deshalb gewählt, weil die Mitglieder derselben beabsichtigten, sich nicht mit einer bloss theoretischen Spekulation in Bezug auf die der Menschennatur innewohnenden Seelenkräfte zu begnügen, sondern, durch Ausübung derselben eigene praktische Kenntnis derselben zu erlangen. Diese Selbsterkenntnis der eigenen inneren Natur gehört aber mit Recht in das Gebiet der Gotteserkenntnis oder Theosophie.

Was Helene Petrowna Blavatsky und das ihr, infolge ihrer humanitären Bestrebungen zu teil gewordene moderne wissenschaftliche Martyrtum betrifft, so werden wir in einem folgenden Hefte darauf zurückkommen. Für heute genügt es uns, das Schicksal der „theosophischen Gesellschaft“ zu verfolgen.

Unter den Mitgliedern, welche dieser Vereinigung zuströmten, befanden sich Wahrheitssucher aus allen Kreisen, Gelehrte und Ungelehrte, christliche Geistliche, jüdische Rabbiner, Philosophen aller Art und auch viele, welche bloss die Neugierde angelockt hatte; denn da von keinem Glaubensartikel die Rede war, von keinem Meister, „auf dessen Worte man schwören musste“, so waren Meinungsdifferenzen kein Hindernis zum Beitritt, und jeder hatte das Recht, seine eigenen Ansichten geltend zu machen und die andern, wenn es ihm gelang, zu überzeugen, wie dies auch heutzutage in dieser Gesellschaft der Fall ist. In der That wichen die Meinungen der Mitglieder weit von einander ab. Wie aber z. B. in einer „geographischen Gesellschaft“ die Mitglieder darüber verschiedener Meinung sein können, wo die Quellen des Nils zu suchen seien, während doch alle darüber einig sind, dass der Nil einen Ursprung hat, ebenso waren und sind alle Mitglieder der „theosophischen Gesellschaft“ darüber einig, dass jedes Dasein einen Grund, eine Ursache haben müsse. Diese Ursache zu finden, war und ist die Aufgabe nicht bloss der Mitglieder der „theosophischen Gesellschaft“, sondern eines jeden vernünftigen Menschen, und wenn einzelne unter uns im Verlaufe ihrer Untersuchungen einen besseren Leitstern dabei gefunden haben, als Darwin und Haeckel oder die moderne Theologie, so sind sie deshalb gewiss nicht zu beklagen.

Während der neue Verein in Amerika an Kräften zunahm und sich das Publikum, welches für die den „okkulten Phänomenen“ zugrunde liegende Philosophie kein Verständnis hatte, mit den „Wundern“ beschäftigte, die man sich von H. P. Blavatsky erzählte, wobei letztere einerseits von den Abergläubischen mit abgöttischer Verehrung betrachtet, andererseits von den Unverständigen als „Betrügerin“ verschrieen wurde, betrieben die Gründer des Vereins eine lebhafte Korrespondenz mit Indien, dem Lande der Geheimnisse und „Wunder“, u. a. mit dem Arya Samaj und dem bekannten Swami Daganand, welcher in Indien damals eine Rolle spielte, vergleichbar zu Luthers Reformation in Europa. Zweiggesellschaften wurden in Indien und Ceylon gebildet, hervorragende Buddhisten und Brahminen beteiligten sich, und da es sich bald zeigte, dass Indien der Platz sei, um sich litterarische Schätze und Kenntnisse über eine Wissenschaft zu holen, von der die Gelehrten des Westens erst jetzt das A-B-C zu lernen beginnen, so wurde das Hauptquartier der „theosophischen Gesellschaft“ im Jahre 1878 nach Bombay verlegt, nachdem sich während dieser Zeit auch Zweiggesellschaften in verschiedenen Teilen Europas gebildet hatten.

In Indien wurde die „amerikanische Delegation“, wie man sie nannte, mit grossem Jubel empfangen. Wie vor alten Zeiten die Juden nicht begreifen konnten, dass das Reich Christi nicht von dieser Welt sei, sondern von ihm erwarteten, dass er als ein König der Israeliten der römischen Herrschaft ein Ende machen werde, so glaubte auch das gemeine Volk in dem amerikanischen Obersten einen Befreier zu sehen, welcher die Herrlichkeit Aryavarthas wieder herstellen würde, ein Umstand, um den sich Col. Olcott sicherlich keine grossen Illusionen machte. Dieser Erwartung ist es vielleicht zuzuschreiben, dass sich eine Menge hervorragender Rajas und Brahminen mit grossem Enthusiasmus an der Sache beteiligte. Aber auch wirkliche Yogis, welche den wahren Zweck der Gesellschaft erkannten, beteiligten sich; es fand eine nie vorher dagewesene Verbrüderung zwischen Indiern und Europäern statt, und die Folge davon war, dass die Mitglieder der Gesellschaft zu Heiligtümern Zutritt erlangten, welche früher für das Auge aller Europäer hermetisch verschlossen waren, und eine Menge von Manuskripten kam zum Vorschein, nach denen unsere profanen Gelehrten früher vergebens gesucht und sogar deren Dasein bezweifelt hatten. Nach einiger Zeit wurde das Hauptquartier nach Adyar, einer Vorstadt von Madras, verlegt, wo sich dasselbe auch jetzt noch befindet.

Da durch die Thätigkeit der „theosophischen Gesellschaft“ die denkenden Klassen unter den Indiern, auch ohne dass man sie dazu aufforderte, beeinflusst wurden, über sich selbst und über die allen Religionen zugrunde liegende Wahrheit nachzudenken, so ist es begreiflich, dass dieses Selbstdenken den protestantischen Missionären ein Dorn im Auge war. Wie in Amerika H. P. Blavatsky von den Spiritisten angefeindet wurde, weil sie deren liebste Illusionen zerstörte, indem sie den spiritistischen Geistern die Maske entriss und dieselben in ihren wahren Gestalten vorführte, so lud sie nun den tödlichen Hass der christlichen Missionäre auf sich, indem sich die Zahl der Proselyten derselben und das Einkommen der Kirche in demselben Grade verringerte, als die „Heiden“ einsahen, dass man das wahre Christentum nur in sich selber finden könne, und dass ohne diese innerliche Erkenntnis ein äusserlicher Religionswechsel nur Betrug, Heuchelei und Verstellung sei.

Wenn auch Col. Olcott der äusserliche Leiter der Gesellschaft war, so war doch H. P. Blavatsky die Seele derselben, und es galt daher vor allem, ihren Charakter zu ruinieren, um der Gesellschaft beizukommen, denn die Verfassung der letzteren enthielt durchaus nichts, an dem selbst der spitzfindigste Advokat etwas zu bemäkeln hätte finden können, da ihre ganze Grundlage die praktische Anerkennung allgemeiner Menschenrechte, die bereits überall theoretisch anerkannt sind, und die Beförderung wissenschaftlicher Untersuchungen ist. Als daher im Jahre 1883 H. P. Blavatsky zusammen mit Col. Olcott auf Besuch in Europa waren, hielten die Missionäre den geeigneten Augenblick für gekommen, um der „theosophischen Gesellschaft“ einen längst vorbereiteten tödlichen Streich zu versetzen, und nachdem sie ein Ehepaar namens Coulomb, das am Hauptquartier bedienstet war, für sich gewonnen hatten, veröffentlichten sie eine Reihe von teils gekauften, teils gefälschten Dokumenten, in welchen sich H. P. Blavatsky über die Leichtgläubigkeit von verschiedenen ihrer hervorragenden Bewunderer lustig macht. Sie rechneten dabei nicht mit Unrecht darauf, dass sich diese Bewunderer, in ihrer Eitelkeit gekränkt, von H. P. Blavatsky lossagen und gegen die Gesellschaft kehren würden. Aber die Sache kam anders.

Als Col. Olcott und H. P. Blavatsky von Indien abreisten, wurde ein Verwaltungsrat für die „theosophische Gesellschaft“ bestellt, als dessen Vorsitzender der Schreiber dieser Zeilen fungierte. Zufälligerweise (?) erhielten wir Kenntnis von den Machinationen der Missionäre, und so kam es, dass an demselben Tage, an welchem diese ihre Bombe platzen liessen, die Antwort darauf auch schon gedruckt war.

Veranlassung zu den Verfolgungen, denen H. P. Blavatsky vielfach ausgesetzt war, gaben die „okkulten Phänomena“, welche teils von ihr willkürlich hervorgebracht wurden, teils in ihrer Gegenwart und teils auch während ihrer Abwesenheit stattfanden. Für sie waren die Gedanken der Anwesenden ein offenes Buch, und es schien, als ob sie, wie es in den Legenden verschiedener Heiligen zu lesen ist, imstande wäre, sich geistig an entfernte Orte zu versetzen. Ausserdem stand sie mit anderen Personen in Indien und Tibet in Verbindung, welche ähnliche und noch höhere Kräfte besassen, um in die Ferne zu wirken, und so kam es denn, dass von uns auch während ihrer Abwesenheit in Europa, bei besonderen Gelegenheiten, wenn irgend ein Rat nötig war, Briefe, von unsichtbarer Hand geschrieben, uns zukamen, welche die betreffenden Ratschläge oder Aufklärungen enthielten u. dergl. Solche Phänomene fanden nicht statt zu dem Zwecke, uns in Erstaunen zu setzen, wenn wir derartige Briefe erhielten; so war es nicht zu dem Zwecke, um zu beweisen, dass man durch Kräfte, welche der europäischen Wissenschaft noch unbekannt sind, Briefe schreiben könne; sondern, wie jeder andere Brief, hatten auch diese nur den Zweck, uns von irgend etwas in Kenntnis zu setzen, das für uns von Interesse war. Aber der gelehrte und ungelehrte Pöbel in England und Amerika konnte in solchen okkulten Ereignissen, deren Vorkommen leider nicht verheimlicht wurde, nichts weiter sehen, als einen Versuch, auf die Leichtgläubigkeit des Publikums zu spekulieren, und aus der Einmischung Auswärtiger in Dinge, welche ihn durchaus nichts angingen, entstand ein neuer Anlass zur Verfolgung von H. P. Blavatsky.

Infolge der Prahlsucht oder des blinden Enthusiasmus einiger Mitglieder der „theosophischen Gesellschaft“ hatte nämlich die bekannte „Society for Psychical Research“ in London, welche die Untersuchung von Spukgeschichten zum Zweck ihres Daseins hat, von diesen Phänomenen gehört, und da sie dieselben mit spiritistischen Narrheiten verwechselte, so entsandte dieser Verein einen jungen Mann als „Sachverständigen“ nach Indien, um die Sache zu untersuchen. Dies ist ungefähr geradeso, als ob der verehrte Leser dieser Zeilen zu mir nach Wien kommen wollte, um sich zu überzeugen, dass mein Vetter in Amerika, von dem ich mitunter Briefe zu erhalten vorgebe, wirklich existiert und dass seine Briefe wirklich von ihm selber geschrieben sind. Da würde es doch vor allem nötig sein, dass der Vetter aus Amerika selber hierher käme, um dem Sachverständigen seine Identität zu beweisen.

Aber der „Vetter aus Amerika“ kam nicht, um die Neugierde des Herrn aus London zufrieden zu stellen, der „Sachverständige“, der von der ganzen Sache nichts verstand, sah seine Mission gescheitert; da er aber wohl oder übel einen Rapport über seine Sendung machen musste, um sich nicht blosszustellen, so schrieb er ein Buch über die Dinge, von denen er nichts gesehen hatte, stellte darin seine selbst erfundenen Theorien auf, wie diese Dinge vielleicht hätten gemacht werden können, und wie er sich vorstellte, dass sie gemacht worden sind. Dieser Rapport wurde von der betreffenden „Gespensteruntersuchungsgesellschaft“ angenommen und H. P. Blavatsky als „die grösste Betrügerin dieses Jahrhunderts“ erklärt, ohne dass ihr aber diese Erklärung in den Augen derjenigen, welche sie persönlich kannten, irgend etwas geschadet hätte.

Was aber diese vielgenannten okkulten Phänomene betrifft, so ist hier nicht die Stelle, darauf näher einzugehen. Würde man einem ungebildeten Bauern, der von Chemie absolut nichts versteht, eine Reihe von chemischen Experimenten zeigen, so würde er dieselben für Betrug und Taschenspielerei halten. Der grösste Gelehrte Europas aber steht diesen okkulten Phänomenen gegenüber wie ein ungebildeter Bauer, weil die moderne Wissenschaft von der Seele und ihren Kräften so viel wie nichts weiss. Erst wenn man die Gesetze der Chemie studiert hat, sind die chemischen Experimente verständlich. Erst wenn man die Gesetze der in der Menschennatur schlummernden Seelenkräfte kennen gelernt hat, kann man ihre sichtbaren Wirkungen begreifen. Was man heutzutage „Hypnotismus“ nennt, was aber schon längst Theophrastus Paracelsus und den Alten bekannt war, ist nur die Einleitung zu dieser höheren Naturwissenschaft.

Durch alle Zeitungen der Welt tobte der Kampf um die Entscheidung, ob H. P. Blavatsky eine Betrügerin sei oder nicht. Man durchstöberte die von ihr geschriebenen Romane, um auszufinden, ob die darin auftretenden Personen wirklich existiert hätten oder nicht, und jubilierte, wenn man in ihnen etwas fand, das erfunden war. Man befand sich dann in der Lage jenes Hinterwäldlers, welcher zum ersten Male ins Theater kam und sich dann für beschwindelt hielt, da es ihm gelungen war, auszufinden, dass die Häuser auf der Bühne bloss aus Pappendeckel gemacht seien, und dass die Schauspieler in der Komödie sich bloss so stellten, als hätten sie wirklich geheiratet.

Blicken wir heute auf jene Vorgänge zurück, so können wir uns des Lachens nicht erwehren, damals aber hatte die Sache ihre ernsthafte Seite. Jetzt ist H. P. Blavatsky tot und die von den ersten amerikanischen Journalen gegen sie ausgestreuten Verleumdungen sind widerrufen;*) ein Beispiel, dessen Nachahmung verschiedenen deutschen Journalen zu empfehlen wäre. Alle diese Verfolgungen waren direkt gegen H. P. Blavatsky und nur indirekt gegen die mit ihr unzertrennlich verbundene „theosophische Gesellschaft“ gerichtet; denn, was man auch immer an einzelnen Mitgliedern dieses Vereins, welche ja alle nur Menschen und mit menschlichen Schwächen behaftet sind, aussetzen mag, an den Grundsätzen dieser Gesellschaft ist nichts zu tadeln, da sie als ihr Höchstes die Wahrheit erkennt.

Alle gegen H. P. Blavatsky gerichteten Verfolgungen konnten somit dem Fortschritt der theosophischen Gesellschaft“ keinen Eintrag thun, im Gegenteil dienten sie dazu, den Ruf derselben über die ganze Welt zu verbreiten. Das Einzige, was der theosophischen Sache Eintrag gethan hat, ist der blinde Eifer von unverständigen Anhängern, welche dieselbe zu verteidigen suchten, ihrer Phantasie freien Lauf liessen und die übertriebensten Dinge von den Adepten behaupteten. Dies war aber nicht zu vermeiden, denn in einer Gesellschaft, wo beinahe jedermann Zutritt hat und jedem das Recht zusteht, seine Meinung, so gut er kann, zu vertreten, finden sich auch Ansichten aller Art. Die „theosophische Gesellschaft“ muss nicht mit einer Gesellschaft von fertigen Theosophen verwechselt werden. Sie ist, sozusagen, ein Erdreich, in welchem die Keime der Selbsterkenntnis verborgen liegen und aus welchem schliesslich nur verhältnismässig wenige Bäume wachsen. Wie bei jeder neuauftretenden Reform, so wurden auch hier Nachtvögel aller Art, Enthusiasten, Schwärmer und Fanatiker durch den Schimmer des neuentzündeten Lichtes angezogen und mancher vorübergehende Sturm war ihrer Gegenwart zu danken. Allmählich hat aber die Luft sich geklärt; diejenigen, welche nicht stark genug waren, das Licht zu ertragen, zogen sich in ihr Dunkel zurück; andere, welche fanden, dass der Verein keinen Boden zur Ausnutzung selbstsüchtiger oder politischer Zwecke lieferte, traten aus; die Mehrheit derjenigen dagegen, welche nach wirklicher Freiheit streben und glauben, dass man durch ein einiges Zusammenwirken mehr zum Besten der Menschheit wirken könne, als durch vereinzelte Bestrebungen, kommen herzu, und unter der Leitung von Col. Olcott in Indien, Mrs. Annie Besant in London und William. Q. Judge in Amerika geht der Verein seiner Zukunft entgegen.**)

Shakespeare sagt:

„Wenn alles auch der Sonn' entgegenreift, Was bald erblüht, wird frühe Früchte tragen.“

und die Bhagavad Gita sagt:

„Wer in der grossen Evolution der Welt nicht mitwirkt, der bleibt zurück.“


Der Zweck eines jeden Theosophen ist, Gutes zu wirken; vor allem aber die dazu nötige Erkenntnis und Kraft zu erlangen. Diese Kraft liegt in dem durch die Übung der Tugend erlangten höheren Selbstbewusst- sein, und das ist die einzige wahre Theosophie.




Hinweise

*) New-York. „Sun“. Oktober 1892.

**) Während des Schlusses dieser Nummer erhalten wir die Nachricht, dass sich auch in Steglitz bei Berlin ein von Dr. Hübbe-Schleiden gegründeter „theosophischer Verein“ gebildet hat, und wünschen wir demselben guten Erfolg. Dr. Hübbe-Schleiden ist als der Verfasser mehrerer Werke über deutsch-ostafrikanische Kolonien und als Redakteur der „Sphinx bekannt. Seine Bestrebungen werden dazu dienen, den Drang nach einem tieferen „transcendentalen“ Wissen anzuregen, und dadurch auch den Wunsch nach jener höheren Erleuchtung rege zu machen, welche der Mensch nicht selber erhaschen kann, die ihm aber zu teil wird, wenn er sich selbst überwindet.


(Lotusblüten, 1893, Band 1, S. 69-86)





31.10.18

DIE THEOSOPHISCHE GESELLSCHAFT UND IHR ZWECK



Von Franz Hartmann

Die theosophische Gesellschaft ist ein internationaler Verein, der am 17. November 1875 in New-York gegründet wurde. Seine Grundlage und Zweck ist:

1.   Einen Kern zu bilden, um welchen die Ideen einer allgemeinen Menschenliebe und Brüderlichkeit ohne Unterschied der Nationalität, des Glaubens, Geschlechts, der gesellschaftlichen Stellung oder Hautfarbe krystallisieren und die Ideale der Humanität sich verwirklichen könnten. (1)

2.    Das Studium der Litteratur der Arier und der Religionen, Philosophien und Wissenschaften des Ostens zu befördern und die Wichtigkeit eines solchen Studiums bekannt zu machen. (2)

3.   Den noch unbekannten Gesetzen der Natur und im Menschen schlummernden geheimen Kräften nachzuforschen. (3)

Das Motto der Gesellschaft ist:

Es giebt keine höhere Religion als die Wahrheit selbst.

(D. h. der Mensch kann nicht näher zur Wahrheit kommen, als indem er selbst in die Wahrheit kommt und die Wahrheit in ihm selber verwirklicht wird.)


Die Leiter der Gesellschaft in äusserlichen Beziehungen sind folgende:

Für die Gesellschaft im allgemeinen: Präsident Col. H. S. Olcott in Adyar bei Madras, Indien. – Vicepräsident W. Q. Judge, New-York, U. S. Amerika. – Schriftführer S. E. Gopala Charlu in Adyar, Madras.

Europäische Abteilung. Vorstand: G. R. S. Mead, B. A. 19 Avenue Road, Regents Park, London NW., England.

Amerikanische Abteilung. Vorstand: William Q. Judge, 144 Madison Avenue, New-York.

Indische Abteilung. Vorstand: Bertram Keightley, M. A., Adyar, Madras.

Jede dieser Abteilungen schliesst in sich eine Anzahl von Zweiggesellschaften; im ganzen zur Zeit 266, wovon 165 in Indien und Ceylon, 63 in Amerika, 25 in Europa, 8 in Australien und 4 in Japan, Burmah, China und Westindien sich befinden.

Die grösste Anzahl der europäischen Zweiggesellschaften befindet sich in England (17), welche wieder in verschiedenen Städten ihre Unterabteilungen (zusammen 43) haben.

·        In Deutschland befindet sich eine in Berlin. (4)
·        In Österreich zwei, in Wien und in Prag. (5)
·        In Frankreich zwei, in Paris mit Unterabteilungen, in Havre und Toulon.
·        In Griechenland eine, in Corfu.
·        Für Holland und Belgien eine, in Amsterdam, mit drei Unterabteilungen.
·        In Italien eine, in Rom.
·        In Russland eine, in Odessa. (5)
·        In Spanien eine, in Madrid, mit drei Unterabteilungen.
·        In Schweden eine, in Stockholm, mit drei Unterabteilungen.
·        In der Schweiz eine, in Locarno.

Ausser einer Menge von Litteratur in verschiedenen Sprachen verfügt die Gesellschaft über eine Reihe von Journalen, welche je nach den Begabungen ihrer Verfasser die theosophischen Ideen zu verbreiten suchen. Von diesen erscheinen 12 in englischer, 2 in französischer, 2 in deutscher, 1 in schwedischer, 1 in italienischer, 1 in holländischer Sprache, und eine Reihe von anderen in indischen Dialekten, Sanskrit und Japanesisch. Beson dere Erwähnung verdienen:

  - „The Theosophist“, Adyar, Madras.
  - „Lucifer“, 7 Duke Street, Adelphi, London, W. C.
  - „The Path“, 144 Madison Avenue, New-York, U. S. A.
  - „Le Lotus Bleu“, 1 4 rue Chaptal, Paris.
  - „Estudios Teosóficos“, Calle de Tallers, 53, Barcelona.
  - „Sphinx“, Steglitz bei Berlin.

Alle Art von theosophischer Litteratur kann bezogen werden durch die „Theosophical Publication Society“, 7 Duke Street, Adelphi, London, W. C, und durch die Buchhandlung von Wilhelm Friedrich in Leipzig.

Durch die Thätigkeit der theosophischen Gesellschaft wurde eine Reihe von humanitären Institutionen, besonders in Indien und England, geschaffen, so z. B. den indischen Frauen die Möglichkeit einer Erziehung und den Witwen die gesetzliche Genehmigung der Wiederverheiratung verschafft, in Indien und Ceylon Sanskrit und andere Schulen eröffnet, in London für die arbeitenden Klassen Unterkunftshäuser und Versorgungsanstalten für Kinder, öffentliche Lesezimmer u. s. w. gegründet. Auf eine Beschreibung der Thätigkeit der theosophischen Gesellschaft hier einzugehen, ist nicht unsere Absicht, und ebenso denken wir nicht daran, für irgend jemand Propaganda machen zu wollen.

Da die Theosophie die Selbsterkenntnis der ewigen Wahrheit ist, und da sich dieser Erkenntnis kein grösseres Hindernis in den Weg stellt, als der Egoismus, beziehe er sich nun auf den persönlichen Vorteil des einzelnen oder den Vorteil irgend einer Kirche, Körperschaft oder eines Staates, so versteht es sich wohl von selbst, dass es nicht in der Absicht der Mitglieder der theosophischen Gesellschaft liegen kann, mit sektiererischen Katzbalgereien, kirchlichen Angelegenheiten, Politik oder mit irgend etwas, wobei der eine Teil auf Kosten des anderen Teils sich zu bereichern oder zu erheben trachtet, sich zu beschäftigen. Die Theosophie kennt nur eine einzige Menschheit, nur einen einzigen Gott, welcher die Wahrheit und Wesenheit ist, während alles übrige der Welt der Erscheinungen, welche vergänglich sind, angehört. Dieses göttliche Ideal im Menschlichen zu verwirklichen, die Bedingungen herzustellen, unter denen Gott sich in seiner Gottheit in der ganzen Menscheit offenbaren kann, dies ist der Zweck, welchen diejenigen im Auge haben, welche zur Gründung der theosophischen Gesellschaft den Anlass gaben, und welche über diese Bewegung wachen. Ihre Namen sind nur den Eingeweihten bekannt, und sie haben kein Verlangen, persönlich vor die Öffentlichkeit zu treten; sie können aber leicht von jedem gefunden werden, der sich erst selber gefunden hat.




Hinweise

(1) Die Mitglieder der theosophischen Gesellschaft geben sich nichtder Illusionhin, dass sie schnurstracks das goldene Zeitalter auf Erden einführen könnten. Sie versuchen aber einen Kreis zu bilden, in welchem die Ideale der Menschheit sich so viel als jetzt möglich ist verwirklicht finden, und es ist kein Grund vorhanden, weshalb ein solcher Kreis sich nicht immer weiter ausbreiten kann. Es handelt sich bloss darum, einmal den Anfang zu machen.

(2) Die Wissenschaften des Ostens, von denen hier die Rede ist, beziehen sich nicht wie die Wissenschaften des Westens auf die Kenntnis äusserer Vorgänge in der Natur, sondern auf die inneren „geistigen“ Vorgänge, welche allen äusseren Erscheinungen zu Grunde liegen. Was die Erklärungen der äusseren Naturerscheinungen betrifft, so übertrifft die Wissenschaft des Westens diejenige des Ostens; dagegen finden sich unter den Völkern des Ostens viel mehr Personen, welche durch die Ausübung von Yoga zu einer höheren geistigen Bewusstseinsstufe gelangt sind und in Folge dessen eine höhere „geistige“ Wahrnehmungsfähigkeit besitzen. Ihre Wissenschaft umfasst eine durch eigene Anschauung erlangte Kenntnis von Dingen, welche den europäischen Philosophen entweder gar nicht, oder nur auf dem Umwege der philosophischen Spekulation annähernd bekannt sind. Dazu gehören z. B. Beschaffenheit der seelischen und geistigen Konstitution des Menschen, des Weltalls, die Erkenntnis der verborgenen Gesetze der Evolution, der Zustände der verschiedenen Elemente des Menschen nach dem Tode seines Körpers u. s. w. Auch handelt es sich hierbei nicht um ein gläubiges Annehmen und Nachbeten von Theorien, sondern um Fingerzeige für die eigene Forschung.

(3) Die „noch unbekannten Gesetze der Natur“ beziehen sich auf die Wirkungen des Gesetzes des Geistes in der Natur, denn hinter der äusseren Natur ist noch eine tiefer liegende, wenig bekannte Natur verborgen. Es gehören dahin die Wirkungen des Willens und der Vorstellung in der Natur, überhaupt alle Fragen, welche die Philosophen heutzutage beschäftigen. Die im Menschen schlummernden geheimen Kräfte aber sind die verschiedenen Stufen des Bewusstseins, innere Wahrnehmungsfähigkeiten, die Kraft des selbstbewussten Willens, des Glaubens, der Hoffnung, Liebe, Selbstbeherrschung, Geduld u. s. w., deren Eigenschaften alle nur dadurch erforscht werden können, dass man sie im praktischen Leben zur Ausübung bringt.

(4) Die oben angeführte Grundlage ist das einzige, was für uns in der Beurteilung des Wirkungskreises der „Theosophischen Gesellschaft“ von Wichtigkeit ist, und je mehr jeder einzelne die Wahrheit der darin enthaltenen Ideen erkennt und verwirklicht, um so mehr wird es ihm und dem Ganzen Nutzen bringen. Die „Theosophische Gesellschaft" als solche hat keinerlei Dogmen; sie überlässt es jedem, zu glauben was er will und auf seine Weise zur Erkenntnis zu kommen. Es ist daher auch kein Mitglied verantwortlich für das, was ein anderes Mitglied allenfalls zu lehren oder behaupten sich berufen fühlen sollte. Es steht jedem frei, eine Meinung auszusprechen, wie es auch jedermann freisteht, dieselbe anzunehmen oder zu verwerfen. Der einzige unfehlbare Leiter ist die Wahrheit selbst, und sie offenbart sich jedem, der sie erkennt.

(5) Aus gewissen Gründen, die hier nicht zu erörtern sind, wurde in Österreich und Russland dem Bestehen dieser Gesellschaften, hinter denen man eine Art von „Freimaurerei“ witterte, nicht die gesetzliche Bewilligung erteilt. Die dort befindlichen Mitglieder sind deshalb nur als Mitglieder der europäischen Sektion, welche sich zur Zeit in den betreffenden Städten aufhalten, zu betrachten.


(Lotusblüten, 1893, Band 1, S. 60-68)